Psychiatrie
Zürcher Star-Psychiater hat Briefkastenfirma im Steuerparadies

Der Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes (PPD) im Kanton Zürich, Frank Urbaniok, betreibt eine Briefkastenfirma. Die Firma Profecta hat ihr Domizil im steuergünstigen Wilen bei Wollerau, einem Ortsteil von Freienbach im Kanton Schwyz.

Merken
Drucken
Teilen
Der Psychiater Frank Urbaniok

Der Psychiater Frank Urbaniok

Keystone

Einziges Produkt der Profecta ist das standardisierte Computerprogramm Fotres, mit dem die Gefährlichkeit von Verbrechern berechnet wird, wie die Zeitung «Der Sonntag» berichtet. Als Postadresse der Profecta fingiert die «Thalmann Kommunikation». Dabei handelt es sich um die Privatadresse der Schwyzer FDP-Kantonsrätin Irene Thalmann.

«Mit der Firma habe ich nichts zu tun. Die Geschäftspost sehe ich auch nicht, die kommt zu einem Postfach in Freienbach», sagt Thalmann der Zeitung. Zum Firmensitz kam die Politikerin eher zufällig: «Eine Bekannte von mir, die in einer Bank arbeitet, fragte mich an, ob ich meine Adresse zur Verfügung stellen würde.» Als Grund gibt Thalmann an, dass Urbaniok aus Sicherheitsgründen seine Adresse geheim halten müsse.

35000 Franken Gewinn

Die Briefkastenfirma Profecta hat seit ihrer Gründung 2005 im Durchschnitt 35 000 Franken jährlich als Gewinn erwirtschaftet. Dies gibt das Amt für Justizvollzug erstmals gegenüber dem «Sonntag» bekannt. Es ist nicht der einzige Zustupf für Urbaniok, der als Chefbeamter ein Jahresgehalt von geschätzten 200 000 Franken hat. Neben der Profecta betreibt Urbaniok eine eigene Praxis für forensisch-psychatrische Beratungen.

«Im Jahr 2011 betrug der Brutto-Gesamtumsatz aller im Rahmen der Praxistätigkeit erbrachten Leistungen 227 000 Franken», sagt Rebecca de Silva vom Amt für Justizvollzug der Zürcher Justizdirektion. Der Gewinn abzüglich sämtlicher Ausgaben wie Mitarbeiterlöhne und Infrastrukturkosten betrug im Jahr 2010 immer noch 64 000 Franken. Das sind total zusätzlich rund 100 000 Franken aus Nebeneinkünften für den Chefbeamten.

Massive Kritik

Jetzt gibt es massive Kritik an diesem Geschäftsmodell. «In Basel wäre eine solche Nebentätigkeit nicht möglich», sagt Volker Dittmann, bis vor einem halben Jahr Chefarzt an der Forensischen Psychiatrischen Klinik der Universität Basel. Eine eigene Firma zu führen hält Ordinarius Dittmann in Basel bei einer Festanstellung gar für «unmöglich».

Mario Gmür, Psychiater und Gutachter in Zürich, sagt: «Seine berufliche Identität ist von ökonomischen Interessen mitbeeinflusst.» Die Geschäftsprüfungskommission des Zürcher Parlaments müsse diesem Geflecht als politische Oberaufsicht nachgehen. Der frühere Basler Gerichtspräsident Peter Zihlmann drückt es drastisch aus: »Urbaniok hat ein eigentliches Machtimperium aufgebaut. Der kommerzielle Aspekt kommt einer Verfilzung gleich. Er verliert dadurch aus meiner Sicht an Glaubwürdigkeit.»