Architektur
Zürcher Pionierin erschuf die Single-Frau-Wohnung

Lux Guyer war schweizweit die erste ihres Fachs, die ein eigenes Büro führte. Als Pionierin machte sich die Zürcherin aber auch noch in anderen Bereichen einen Namen.

Lina Giusto
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Künstler Inigo Gheyselinck mit der Figur von Architektin Lux Guyer (1894-1955), die er für die Woodvetia-Kampagne erschaffen hat.

Künstler Inigo Gheyselinck mit der Figur von Architektin Lux Guyer (1894-1955), die er für die Woodvetia-Kampagne erschaffen hat.

zvg

Lux – eigentlich Louise – Guyer war die erste Architektin der Schweiz, die ein eigenes Büro betrieb. Eröffnet hat es die Zürcherin 1925. In den besten Zeiten beschäftigte sie dort mehr als dreissig Mitarbeitende. Bekannt wurde sie mit ihren Bauten für Familien, allein lebende und arbeitstätige Frauen, Studentinnen und Senioren. Bis hin zur Möblierung der Wohnungen strebte Guyer stets eine hohe Wohnqualität an.

So entwarf sie 1928 im Rahmen der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit das gleichnamige Saffa-Haus. Wie dem Werkkatalog über Lux Guyer zu entnehmen ist, hat sie den «günstigen und gemütlichen» Wohnbau für mittelständische Familien entworfen. Der modulare Holzbau ermöglichte seinen wiederholten Auf- und Abbau. So stand das Wohnhaus zuerst an der Saffa in Bern, danach in Aarau und heute dient es als Eltern-Kind-Zentrum in Stäfa. Obwohl das Saffa-Fertighaus die mittelständische Wohnkultur erneuerte, setzte sich der Baustil nicht längerfristig durch. Im Rahmen der Woodvetia-Kampagne, die den Schweizer Holzmark fördern will, wird heute an der ETH Hönggerberg Lux Guyer für ihre Pionierarbeit gewürdigt.

Die junge Lux Guyer.

Die junge Lux Guyer.

gta Archiv/ETH Zürich

Die 1894 geborene Lehrerstochter war nach der zweijährigen Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Fachhörerin an der ETH in Zürich. Sie besuchte Kurse in Innenausbau, Dekorationsmalerei, Entwurf und Architekturgeschichte. Ihr architektonisches Wissen erweiterte sie bei den Architekten Gustav Gull in Zürich und Maria Frommer in Berlin. Es folgten Aufenthalte in Florenz, Paris und London. Der Hochschulabschluss blieb Guyer als Frau jedoch verwehrt.

Da sie bereits in jungen Jahren ungleichmässige Behandlung von Mann und Frau zu spüren bekam, setzte sich Guyer Zeit ihres Lebens für Frauenanliegen ein. So baute sie zwischen 1926 und 1928 gleich zwei Wohnhäuser, die nur von Frauen bewohnt wurden: die Wohnkolonie Lettenhof und das Studentinnenheim Fluntern, wo auch Lehrerinnen und weiblichen Büroangestellten ein Zuhause fanden.

Als um 1900 immer mehr Frauen ausserhäuslichen Berufstätigkeiten nachzugehen begannen, kam auch die Frage nach neuen Wohnformen auf. Noch damals galt es für Frauen als unschicklich, alleine zu wohnen. Guyer selber war mit diesem Problem auf ihren Auslandreisen konfrontiert.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Den Lettenhof entwickelte und baute die Architektin im Auftrag des Zürcher Frauenvereins. Rund 60 alleinstehende und berufstätige Frauen fanden in der Überbauung Platz. So schuf die Architektin insgesamt sechs Drei-, 23 Zwei- und 22 Einzimmerwohnungen. Dabei achtete Guyer darauf, dass sie sich hinsichtlich Form und Ausstattung unterschieden. Damit wollte sie den verschiedenen Bedürfnissen und finanziellen Möglichkeiten der Mieterinnen gerecht werden. Zudem erweiterte sie das Gebäude um Gästezimmer und ein Restaurant, da es für Frauen schwierig war, ohne männliche Begleitung auszugehen.

Die Frauenwohnkolonie Lettenhof.

Die Frauenwohnkolonie Lettenhof.

GTA Archiv/ETH Zürich

Eine verkannte Pionierin

So individuell wie Guyers Ideen war auch ihre Arbeitsweise. Ihre Pläne zeichnete die Architektin den Angaben ihrer Biografie des GTA-Verlags nach mit Vorliebe nachts. Frühmorgens pflegte sie den Garten und tagsüber war sie auf Baustellen oder im Büro. Am Wochenende sei sie zudem gerne in die Rolle der Gastgeberin geschlüpft. Verheiratet war Guyer mit dem Ingenieur Hans Studer, 1933 kam Sohn Urs zur Welt.

Ihre Art, mit vorgefertigten Bauelementen zu arbeiten sowie Räume zu organisieren, kam dem Stil des Neuen Bauens sehr nahe. Dieser zeichnet sich durch schnörkellose Fassaden, den Einsatz neuer Materialien und die sachlich-schlichte Innenausstattung aus. Lange Zeit blieben Lux Guyers Werke unbeachtet. Viele wurden abgerissen oder verändert. Nach dem Krieg gab es für Guyer anfang der 1950er-Jahre dann noch einen letzten architektonischen Aufschwung, bevor sie 1955 in Zürich starb.