Terrorismus
Zürcher Muslime-Präsident: «Flüchtlinge sind selber Opfer»

Die Terrorgefahr sei in der Schweiz gering, sagt Mahmoud El Guindi, Präsident der Zürcher Muslime, im Interview. Denn die Schweiz habe keine Vergangenheit als Kolonialmacht und werde im Nahen Osten als neutrale Partei geschätzt.

Tobias Hänni
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zVg

Herr El Guindi, zu den Anschlägen in Paris hat sich der Islamische Staat (IS) bekannt. Was haben die Angriffe mit dem Islam zu tun?

Es handelt sich um ein Verbrechen, das mit dem Islam nichts zu tun hat und das wir aufs Schärfste verurteilen. Wir betrachten den IS als politische Organisation, die Anschläge als psychologische Kriegsführung. Damit wird der Krieg im Nahen Osten in die Welt hinausgetragen.

Dann wird der Islam vom IS für politische Zwecke instrumentalisiert?

Ja, gerade wenn es um die Rekrutierung von neuen Anhängern geht, missbraucht der IS den Islam. Es mag zwar sein, dass die Extremisten tatsächlich von dieser pervertierten Interpretation des Islam überzeugt sind. Aber diese Lesart entspricht nicht jener der überragenden Mehrheit. So haben am Wochenende über 100 Gelehrte verschiedener islamischer Glaubensrichtungen, die zurzeit an einer Konferenz in Luxor teilnehmen, die Anschläge verurteilt. Aber es ist leider wie in allen Religionen: Es gibt eine grosse Mehrheit von moderaten Gläubigen. Und eine kleine Minderheit von Extremisten.

Die Radikalisierung beginnt oft in den westlichen Ländern selbst. Besteht diese Gefahr auch in der Schweiz, etwa unter den Zürcher Muslimen?

Auch wenn sich ein paar wenige Schweizer Muslime dem IS angeschlossen haben, schätze ich die Gefahr im Vergleich zu anderen europäischen Ländern als gering ein. In Frankreich stammt ein Grossteil der Muslime aus Nordafrika. Sie sind von der europäischen Kultur weiter weg, als die Schweizer Muslime, die vorwiegend aus dem Balkan und der Türkei stammen. Ausserdem wird hier bessere Integrationsarbeit geleistet als etwa in Frankreich, wo unter den Migranten eine hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalitätsrate herrscht. Radikalisierung ist auch eine Folge von sozialen Missständen. Diese beurteilen wir in der Schweiz nicht als kritisch.

Und was sagen Sie zu dem etwa auf Sozialen Medien geäusserten Vorwurf , dass der Terror mit den Flüchtlingen nach Europa gekommen sei?

Die Millionen von Syrern, die auf der Flucht sind, sind selber Opfer des Terrors. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, dass mit den Flüchtlingen auch Terroristen nach Europa reisen. Aber auch diesbezüglich dürfte die Schweiz nach meiner Einschätzung nicht direkt betroffen sein, sondern als Transitland benutzt werden.

Weshalb soll die Terrorgefahr in der Schweiz so gering sein?

Die Schweiz hat keine Vergangenheit als Kolonialmacht und wird im Nahen Osten als neutrale Partei geschätzt. Diese Rolle müsste sie auch in Syrien verstärkt wahrnehmen. Indem sie diplomatische Vermittlungsarbeit leistet, sich als Treffpunkt zur Verfügung stellt. Eine Ende des Terrors ist ohnehin nur möglich, wenn im Nahen Osten stabile Verhältnisse und Entscheidungsfindungsprozesse geschaffen werden, bei denen alle Parteien miteinbezogen werden. Die Region ist heute ein Scherbenhaufen, der nach den militärischen Interventionen durch den Westen sich selbst überlassen wurde. Hier müssen die Politiker ihre Hausaufgaben machen.

Und was kann nach den Anschlägen die islamische Gemeinschaft in Zürich tun?

Als Religion soll sich der Islam nicht in die Politik einmischen. Aber es ist die Pflicht jeder religiösen Gemeinschaft, die moralisch-ethische und pädagogische Arbeit zu leisten und ihren Mitgliedern die Schweizer Rechtsordnung zu vermitteln. Und es braucht von allen Beteiligten mehr Engagement und eine erhöhte Wachsamkeit. Die Sicherheit in diesem Land ist eine gemeinsame Aufgabe, bei dem wir die Behörden unterstützen möchten.