Islam
Zürcher Moscheen fürchten sich vor Anschlägen

Die Brandserie in Schweden versetzt auch Zürcher Moscheen in Alarmbereitschaft. Der Imam der Mahmud-Moschee ist besorgt. Die Sicherheitsvorschriften werden aber vorerst nicht verschärft.

Sophie Rüesch
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Das Minarett der Mahmud Moschee in Zürich.

Das Minarett der Mahmud Moschee in Zürich.

Limmattaler Zeitung

Auf vier Moscheen wurden in Schweden über den Jahreswechsel Anschläge verübt. Das Resultat: Brände, eingeschlagene Scheiben, fünf Verletzte. Die Gewaltserie verunsichert auch hiesige Muslime, die ihrerseits eine zusehends islamkritische Stimmung im eigenen Land registrieren. «Die Vorfälle in Schweden sind für uns sehr alarmierend», sagt etwa Sadaqat Ahmed, Imam des ersten muslimischen Gebetshauses in der Schweiz, der Mahmud-Moschee im Zürcher Balgrist-Quartier.

Eine sofortige Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen erachtet Ahmed aufgrund der Vorfälle im Ausland hingegen nicht als nötig. «Es gibt zurzeit keine Anzeichen, dass die Moscheen in der Schweiz ähnlich stark gefährdet sind wie diejenigen in Schweden.» Zudem wird die Moschee an der Forchstrasse bereits seit rund einem Jahr von den eigenen Mitgliedern überwacht — nicht rund um die Uhr, aber während der meisten der Gebetszusammenkünfte. Bereits vor den aktuellen Anschlägen auf Moscheen wurde ferner eine baldige Videoüberwachung beschlossen.

Angst vor der Angst

So weit weg ist Schweden derweil gar nicht. Auch in der Schweiz machte Anfang Dezember ein Brandanschlag auf eine islamische Vereinigung im St. Gallischen Flums Schlagzeilen. Zwar sind Täterschaft und Motive noch Gegenstand der Ermittlungen. Dennoch zeigt sich Ahmed auch ob dieses Vorfalls beunruhigt. Angst bereitet seiner Gemeinschaft vor allem die Angst der anderen: die Angst vor einem Islam, der zwischen IS-Schlagzeilen und Einwanderungsskepsis immer mehr zum nationalen Sündenbock wird; die Angst, die schnell in Hass umschlagen kann.

«Die Situation wird auch für Muslime, die seit Jahren friedlich hier leben, immer schwieriger», sagt Ahmed. Ähnlich aufgeheizt sei die Debatte über Schweizer Muslime in jüngerer Vergangenheit nur im Vorfeld der Minarett-Initiative verlaufen. Doch mit Berichten über gewalttätige muslimische Organisationen wie den Islamischen Staat nehme der Hass auf einen Islam, den man allzu schnell mit den radikalen Gruppierungen im Ausland gleichsetzt, zurzeit wieder stark zu. Ahmed hat von verschiedenen muslimischen Frauen und Mädchen vernommen, dass sie in letzter Zeit häufiger Opfer von verbalen Attacken würden: «Es wurden einige auf offener Strasse angeschrien oder beleidigt, weil sie ein Kopftuch trugen.»

In solch einem Klima werde es immer wichtiger, dass politische Parteien und religiöse Organisationen zusammenspannen, um zu Toleranz aufzurufen, anstatt Kulturen und Religionen gegeneinander auszuspielen. «Wenn aber einer öffentlich zu einer Kristallnacht für Muslime aufruft und dafür auch noch Beifall erntet, wenn Minarette und Kopftücher verboten werden: Dann muss man sich nicht wundern, wenn irgendwann auch einmal eine Moschee angezündet wird. Jede Aktion hat eine Reaktion», sagt Ahmed ernüchtert.

Videoüberwachung für alle Fälle

Auch dem Imam der Islamischen Gemeinschaft Bosniens in Schlieren bereiten die Berichte über die Attacken in Schweden wie auch in Flums Angst. «Keine Frage», sagt Imam Sakib Halilovic, «diese Vorfälle beunruhigen unsere Gemeinschaft sehr.» Auch er nimmt besorgt zur Kenntnis, dass der Diskurs über den Islam zusehends gefährliche Züge annimmt. «Solche Anschläge sind eine logische Folge von angstschürenden Hasstiraden gegen Muslime, die leider auch in der Schweiz an der Tagesordnung sind», sagt Halilovic.

Das gegenwärtige islamfeindliche Klima in der Schweiz hat die Schlieremer Moschee denn auch schon vor zwei Monaten dazu bewogen, Überwachungskameras zu installieren. Die Moschee steht allen offen; «da weiss man leider nie, wer mit welchen Motiven hierherkommt», so Halilovic. Auf Sicherheitspersonal verzichte man hingegen vorläufig noch.

Zwar war die Schlieremer Moschee in den über 20 Jahren ihres Bestehens noch nie Opfer anti-islamisch motivierter Übergriffe. «Ich hoffe natürlich, dass das so bleibt. Doch sollte etwas passieren, wollen wir etwas Konkretes in der Hand haben», begründet Halilovic den Entscheid, Kameras zu installieren. Sorge bereiten ihm zudem nicht nur gewaltbereite Rechtsextreme, sondern auch radikale Muslime, die bei ihnen Mitglieder rekrutieren wollen; im benachbarten Dietikon musste die Islamische Glaubensgemeinschaft bereits letztes Jahr Salafisten des Hauses verweisen, die vor der Moschee Jugendliche angesprochen hatten.

Gelassener zeigt sich der Islamische Verein in Regensdorf. «Man weiss natürlich nie, was alles passieren könnte», sagt Sekretär Nazim Dzaferi. «Doch Angst habe ich keine.»