Lehrerstreik
Zürcher Lehrer streichen eine Schulstunde

Lehrer an allen 732 Zürcher Volksschulen sind aufgerufen, heute Mittwoch die letzte Schulstunde vor dem Mittag zu schwänzen.

Matthias Scharrer
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Wobei «schwänzen» nach Ansicht der Personalverbände ZLV, VPOD und SekZH, die zu der Aktion mobilisieren, der falsche Ausdruck ist. «Wir nehmen nicht frei, sondern halten eine Personalversammlung ab», sagt ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch. Dies sei organisierten Lehrkräften personalrechtlich gestattet. Es gehe darum, zu diskutieren, wie Lehrerinnen und Lehrer zu entlasten seien.

Und wie weit sie dafür gehen würden. Die in einem Fragebogen aufgelisteten Kampfmassnahmen reichen vom Brief an Eltern bis hin zum unbefristeten Streik.

300 Überstunden - pro Jahr

Es brodelt in der Lehrerschaft. Hintergrund ist eine 2009 veröffentlichte Studie des Lehrerverbandes LCH. Demnach leisten Zürcher Lehrkräfte jährlich über 300 Überstunden. «Da dadurch auch die Unterrichtsqualität betroffen ist, kann es so nicht weitergehen», heisst es in einem Musterbrief an Eltern zur heutigen Aktion.

Die Zürcher Bildungsdirektion hat zwar erst im September unter dem Titel «Belastung – Entlastung» ein Massnahmenpaket zur Entlastung der Lehrerschaft bekannt gegeben. Doch das ist Lätzsch zu unverbindlich: «Wir wissen noch nicht, wann welches Projekt wie realisiert wird.» Zudem sei seit der LCH-Arbeitszeitstudie bereits ein Jahr vergangen.

Pflichtpensen senken

Die Lehrerverbände schlagen an der heutigen Versammlung Massnahmen vor, die weit über das Projekt «Belastung – Entlastung» hinausgehen. Letzteres sieht vor, die Lehrer zu entlasten, indem zwei Unterrichtslektionen der Schüler ersatzlos gestrichen werden. Die Lehrerverbände wollen stattdessen die Pflichtpensen der Lehrer um zwei, bei Klassenlehrern um vier Lektionen senken.

Ihr Argument: Statt der Schüler, deren Unterrichtszeit verkürzt würde, solle der Kanton die Kosten für die Lehrerentlastung übernehmen. Pro Lektion beliefen sie sich auf rund 40 Millionen Franken. Ausserdem sollen die Entlastungsmassnahmen nach Ansicht der Lehrerverbände nicht erst im Schuljahr 2012/13 umgesetzt werden, sondern schon ein Jahr früher.

Einschneidende Massnahmen wie die Streichung von zwei Unterrichtslektionen sind laut Volksschulamts-Chef Martin Wendelspiess allerdings frühestens 2012 realisierbar. Denn dazu sei eine breite Vernehmlassung nötig. Er hält Lätzsch zudem entgegen, dass für das Projekt «Belastung – Entlastung» ein detaillierter Zeitplan veröffentlicht wurde, räumt jedoch ein, dass zum Teil die nötigen Beschlüsse noch ausstehen.

SVP ist empört

Überhaupt findet Wendelspiess das für heute geplante Vorgehen der Lehrerverbände «schwer nachvollziehbar und bedauerlich». Die Aktion sei allerdings tolerierbar, da sie nur 45 Minuten Unterrichtszeit tangiere. Einzige Bedingung: Die Aufsicht und Betreuung der Kinder müsse gewährleistet sein.

Andere Töne schlägt die SVP an: Sie «verurteilt die Streikaktion des Lehrerverbandes auf Kosten unserer Kinder, die auch noch von Schulvorstehern und vom Schuldepartement gebilligt wird», wie sie gestern mitteilte. Und fordert die Ablösung von Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) nach den Wahlen 2011.