Kinderbetreuung
Zürcher Kinderkrippen suchen verzweifelt Betreuer

Der Krippen-Boom hat seine Schattenseiten: Es mangelt an Fachkräften. Denn die Ausbildung von Betreuern für Kinderkrippen hinkt dem Bedarf hinterher. Und manche Krippen können sich höhere Löhne für gut ausgebildetes Personal nicht leisten.

Peter Fritsche
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Das neue Volksschulgesetz verpflichtet die Gemeinden im Kanton Zürich, von Zeit zu Zeit Bedarfsabklärungen für familienexterne Betreuungsangebote durchzuführen. Flavio Fuoli Immer mehr Eltern lassen ihre Kinder in Krippen betreuen. Flavio Fuoli

Das neue Volksschulgesetz verpflichtet die Gemeinden im Kanton Zürich, von Zeit zu Zeit Bedarfsabklärungen für familienexterne Betreuungsangebote durchzuführen. Flavio Fuoli Immer mehr Eltern lassen ihre Kinder in Krippen betreuen. Flavio Fuoli

Limmattaler Zeitung

Nach zwölf Jahren als Leiterin einer privaten Kindertagesstätte für Kleinkinder in der Stadt Zürich hat C. (Name der Redaktion bekannt) genug: «Für mich stimmt es einfach nicht mehr», sagt sie.

Wenns gar nicht mehr geht, springt die Chefin ein

Zu schaffen machen ihr Probleme bei der Suche nach neuen Betreuerinnen: «Auf ein Inserat erhalte ich vielleicht fünf Bewerbungen, wenn es hoch kommt. Nicht selten eignet sich niemand.» Um die Zeiten mit personellen Engpässen zu überbrücken, müssen immer wieder die Krippenleiterin selbst und die Geschäftsleiterin einspringen.

Personelle und administrative Aufgaben bleiben in dieser Zeit liegen, denn: «An erster Stelle kommt für mich eine optimale Betreuung der Kinder», sagt C. Sie ist nicht die einzige Krippenleiterin mit Problemen bei der Personalsuche. Im Kanton Zürich sind zurzeit gemäss dem Internetportal «krippenstellen.ch» rund 180 Stellen offen, ein Drittel davon in der Stadt Zürich.

Zahl der Krippenplätze stark gestiegen

Es gibt zwei Hauptgründe für den Mangel. Erstens: der Krippenboom. Immer mehr Eltern lassen ihre Kinder während zweier Tage oder mehr in einer Kinderkrippe betreuen. Eine gesellschaftliche Entwicklung, die auch politisch gefördert wird (zum Beispiel durch das Impulsprogramm des Bundes mit jährlich bis zu 100 Millionen Franken für die familienexterne Betreuung in der Schweiz). Die Folge: Die Zahl der Krippenplätze ist in den letzten Jahren stark gestiegen – in der Stadt Zürich etwa von 4200 Plätzen im Jahr 2006 auf 6400 im letzten Jahr.

Zweitens: Verändertes Umfeld und höhere Erwartungen an die Betreuungspersonen. «Früher ging es einfach darum, dass vor allem Kinder aus armen Familien einen Ort hatten, wo sie gehegt und gepflegt wurden», sagt Talin Stoffel, die Geschäftsleiterin des Schweizer Kindertagesstätten-Verbandes.

Heute liege die Latte deutlich höher: «Eltern, Trägerschaft und Behörden erwarten das Beste in Sachen Betreuung, Bildung und Erziehung.» Daniel Eggenberger, freischaffender Berater für Kinderkrippen, spricht von «Erziehung mit einem pädagogischen Auftrag.»

Anforderungen an Beruf gestiegen

Entsprechend verändert hat sich das Berufsprofil: Aus einer Kinderhüte ist ein anspruchsvoller Job geworden, der durchaus mit jenem einer Kindergärtnerin oder eines Lehrers zu vergleichen ist. Das heisst, es brauchte auch eine adäquate Ausbildung. Die erste Stufe – die dreijährige Lehre – wurde bereits überarbeitet und heisst seit 2005 «Fachfrau/Fachmann Kinderbetreuung».

Noch in den Kinderschuhen steckt jedoch die weiterführende Ausbildung an den höheren Fachschulen (Dipl. Kindererzieherin/-erzieher HF). Wer eine solche Ausbildung machen will, muss in die Kantone Zug oder Bern reisen. Das Problem ist, dass es bereits heute mehr gut ausgebildete Fachkräfte brauchte, als sie auf dem Markt sind.

Und: Höher Qualifizierte erhalten mehr Lohn als etwa eine Praktikantin oder ein Praktikant. Doch das wiederum sprengt das Budget mancher Krippen. Sie müssten die Gebühren erhöhen, was wiederum die meisten Eltern nicht goutieren. Ein Dilemma, das letztlich zu Frust und Kündigungen führt. Eine Situation, die auch für die Kinder alles andere als ideal ist.

Staat soll mithelfen

Krippenfachmann Eggenberger ist wenig optimistisch, dass die Personalnot rasch verschwindet. Die Lehre habe zwar regen Zulauf, aber das reiche noch nicht aus, um den Bedarf zu decken. Eine Möglichkeit, um den finanziellen Spielraum der – weitgehend privaten – Trägerschaften zu erhöhen, sieht Eggenberger in zusätzlichen Subventionen und in Anreizsystemen. Doch dies ist politisch umstritten. So hat der Zürcher Gemeinderat dieses Jahr das Geld für subventionierte Plätze und Prämien für erfolgreiche Lehrabschlüsse in der Kinderbetreuung gestutzt.

Auch Talin Stoffel vom Schweizer Kindertagesstätten-Verband fordert mehr Unterstützung durch den Staat, aber auch durch die Wirtschaft: «Diese profitiert schliesslich durch zusätzliche Arbeitskräfte», sagt Stoffel. Ihr schwebt ein tripartites Krippenfinanzierungsmodell – Eltern, Staat, Wirtschaft – vor, wie das in gewissen Westschweizer Kantonen schon heute in die Tat umgesetzt wird. Eine Forderung des Verbandes ist es ferner, der Bund solle ein Prozent des Bruttoinlandproduktes für die Krippenfinanzierung einsetzen. Damit ist der Kindertagesstätten-Verband zwar beim Bundesrat schon einmal abgeblitzt. Ein neuer Anlauf sei aber möglich, so Stoffel.