Gesuch erneuert
Zürcher Katholiken denken weiterhin an eine Abspaltung

Die Zürcher Katholiken ersuchten 1990 mit dem Segen des Churer Bischofs um eine eigene Diözese. Nun versuchen sie es wieder. Die Chancen auf Erfolg stehen jedoch schlecht, ist Zürich doch das Filetstück im Bistumsgebiet von Bischof Vitus Huonder.

Michael Rüegg
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(Archiv)

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Keystone

Zürich will eigenes Bistum

Die römisch-katholische Zürcher Kantonalkirche hat gegenüber der Schweizerischen Bischofskonferenz (SBK) ein Gesuch aus dem Jahr 1990 erneuert. Es fordert - in Absprache mit dem damals amtierenden Bischof von Chur - die Errichtung eines Bistums Zürich. Ein seit bald 200 Jahren bestehendes Provisorium soll dadurch aufgehoben werden.
Das Anliegen basiert auf Vorschlägen zur Gebietsreform, die die SBK in den Achtzigerjahren erarbeiten liess. In Übereinstimmung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wollte sie die Schweizer Bistumsgebiete neu festlegen. Gemäss dem Vorschlag der Bischofskonferenz sollten dabei drei neue Diözesen entstehen: Zürich, Luzern und Genf.
Die Bistümer Chur und Basel würden dadurch massiv verkleinert - womit eine Forderung des Konzils erfüllt wäre, das einheitliche und zusammenhängende Diözesen anstrebte. Die heute zum Bistum Basel gehörenden Kantone Thurgau und Schaffhausen würden in diesem Modell das Bistum wechseln. Thurgau ginge zum bestehenden Bistum St. Gallen, Schaffhausen zum neuen Bistum Zürich.
Nachdem 2001 der Bistumsartikel aus der Verfassung gestrichen worden war, haben die Bischöfe die Reform jedoch überraschend gestoppt. Ob nun Bewegung in die Sache kommt, ist ungewiss. Für den Präsidenten der SBK, den St. Galler Bischof Markus Büchel, ist unsicher, ob seine Konferenz sich des Themas annimmt. Und auch der Churer Bischof Vitus Huonder gibt sich wortkarg.
Nach den Sommerferien will nun der katholische Synodalrat von Zürich den Dialog mit Huonder suchen. «Zürich wäre ein idealtypisches Bistum», meint Synodalratspräsident Benno Schnüriger.

Es war bereits der zweite Brief in Sachen Bistumsfrage, den die römisch-katholische Kantonalkirche Zürichs 2012 an die Bischofskonferenz schickte. Den ersten verfasste sie 1990 in Absprache mit dem damaligen Bischof von Chur, Johannes Vonderach: Er enthielt das formale Begehren, ein Bistum Zürich zu errichten. Doch Vonderach trat kurze Zeit später ab, sein Koadjutor Wolfgang Haas übernahm - und blockierte die Bemühungen um ein eigenes Bistum Zürich mit Erfolg. Eine Antwort auf das Gesuch aus der Limmatstadt blieb aus.

Bischofsernennung: Wenig Mitsprache

Als das Christentum im 5. Jahrhundert vor Jugend strotzte, war es üblich, das Volk einer Diözese an der Bischofswahl zu beteiligen. Papst Leo I. schrieb damals in einem Brief: «Wer an der Spitze von allen ist, soll auch von allen gewählt werden.» Mit den Jahrhunderten ging die Wahl immer mehr an die Oberen der Kirchenprovinzen über, Konsultationsverfahren in den Diözesen blieben jedoch üblich.
In den Bistümern Freiburg-Lausanne, Lugano und Sitten bestimmt heute Rom allein, wer Bischof wird. In Basel und St. Gallen wählt das jeweilige Domkapitel. Zuvor dürfen im Fall von Basel Vertreter der Diözesankonferenz von einer Sechserliste drei Namen streichen. In St. Gallen haben die katholischen Grossratsmitglieder ein Vetorecht. Im Bistum Chur darf das Domkapitel den Bischof aus einem Dreiervorschlag aus Rom wählen. Wird ein Koadjutor eingesetzt, galt dieses Prinzip ebenfalls, zumindest bis 1988, als Wolfgang Haas zum Koadjutor ernannt wurde.
Diese Privilegien sind in völkerrechtlich bindenden Konkordaten zwischen den Standortkantonen und dem heiligen Stuhl geregelt. Ähnliche Konkordate kennt man nur noch in deutschen Bistümern sowie in Österreich.

Bewegung kam erst wieder im Juni 2011 in die Angelegenheit: Einige Mitglieder der Zürcher Synode fragten an, wie denn der Synodalrat gegenwärtig die Frage eines Bistums Zürich beurteile. In seiner Antwort vom 12. September 2011 versicherte die Exekutive ihrem Kirchenparlament, das Begehren von 1990 erneut bekräftigen zu wollen. Das tat sie per Brief an die Bischofskonferenz vom Dezember 2012.

Zurück auf Feld eins

Diesmal kam eine Antwort, und zwar datiert vom 26. April dieses Jahres. Aus Zürcher Sicht hat das Gesuch von 1990 noch immer Gültigkeit, die Bischofskonferenz verweist jedoch auf die nächstniedere Instanz: Bei Problemen mit dem für sie zuständigen Bischof sollten sich die Zürcher Katholiken bitte an den für sie zuständigen Bischof wenden. Der Synodalrat der Zürcher Kirche will jedoch die Diskussion unabhängig von den derzeit herrschenden Schwierigkeiten mit Bischof Huonder führen: «Wir wollen die Bistumsfrage nicht mit der Bischofsfrage verknüpfen», so Benno Schnüriger, Präsident des Synodalrats.

Doch der angesprochene Bischof, Vitus Huonder, sieht wohl keinen Anlass, einen Schritt auf die Zürcher zuzugehen. Im Gegenteil; Zürich ist das Filetstück seines Bistumsgebiets. Das erkannte 1980 bereits die Bischofskonferenz, die in ihrem Bericht schrieb: «Durch die Abkoppelung des Kantons Zürich wird das Bistum Chur stark geschwächt», es sei nur noch beschränkt in der Lage, sich finanziell selbst zu tragen.

Der Präsident der Bischofskonferenz, der St. Galler Bischof Markus Büchel, will sich zur Frage der Neueinteilung gegenwärtig nicht äussern. Er lässt über seine Sprecherin ausrichten, dass sich die Zürcher Katholiken beim Wunsch nach einem eigenen Bistum an den Bischof von Chur und an die zuständigen Stellen in Rom wenden müssten. «Ob die Bischofskonferenz die grundsätzliche Diskussion über eine mögliche Neuordnung aufnimmt oder nicht, ist noch nicht entschieden worden», so Büchel.

Chur: «Kein Kommentar»

Aus Chur selber tönt es gleich: «Seit über 20 Jahren bestehen solche Pläne, die dem Bischof bekannt sind. Den aktuellen Vorstoss möchte er öffentlich erst kommentieren, wenn dazu tatsächlich etwas Neues gesagt werden kann», meint Giuseppe Gracia, Medienbeauftragter von Vitus Huonder.

Der Synodalrat seinerseits will nun nach den Sommerferien entscheiden, in welcher Form er das Gespräch mit Bischof Huonder suchen will. Präsident Schnüriger entgegnet auf das bischöfliche Votum: «Es braucht nichts Neues gesagt zu werden, die Ausgangslage ist immer noch dieselbe. Zürich entspräche den idealtypischen Vorstellungen eines Bistums.»