Medizin
Zürcher Epilepsie-Patient erhält Hirnschrittmacher

Erstmals setzen Zürcher Ärzte die neue Methode der Tiefenhirnstimulation bei einem Epilepsie-Patienten in der Schweiz ein. Mit dem «Hirnschrittmacher» sollen seine schweren Krampfanfälle seltener werden, hoffen die Neurologen und Neurochirurgen vom Universitätsspital Zürich (USZ).

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Schnittbild eines Gehirns.

Schnittbild eines Gehirns.

okapia

Am 27. März erhielt ein 35-jähriger Familienvater in Zürich zwei feine Elektroden ins Gehirn implantiert. Damit hoffen die Ärzte seine schweren epileptischen Anfälle mit Krämpfen und oft auch Bewusstlosigkeit, die er im Schnitt zweimal pro Woche erlitt, in den Griff zu bekommen.

Die Methode wird tiefe Hirnstimulation genannt und kommt seit den Neunzigerjahren bei Patienten mit Parkinson oder anderen Bewegungsstörungen erfolgreich zum Einsatz. Neue internationale Studien zeigen, dass die elektrische Stimulation auch bei Epilepsie- Erkrankungen wirken kann, die nicht ausreichend behandelbar sind.

Hierfür werden Elektroden in den vorderen Thalamus verpflanzt, eine zentrale Verschaltungsstelle in der Mitte des Gehirns - fernab vom Hirngebiet, wo die Anfälle entstehen. In einem festen Rhythmus stimuliert dieser «Hirnschrittmacher» die Nervenzellen und unterdrückt so epileptische Anfälle.

Deutlich weniger Anfälle

Die Operation in Zürich verlief ermutigend, wie Christian Baumann vom USZ, der den Eingriff geleitet hat, gegenüber der Nachrichtenagentur sda sagte. «Die Hirnstromkurve sieht gut aus, ohne Epilepsie-Befund», sagte er. Doch erst in zwei bis drei Monaten könne man Aussagen dazu machen, ob und wie gut die neue Behandlungsmethode dem Patienten hilft.

Bisherige Daten sind vielversprechend. Eine grosse Multizenterstudie in den USA im Jahr 2010 ergab, dass die Tiefenhirnstimulation epileptische Anfälle im Schnitt um 40 Prozent reduzierte. Mit Implantat, doch ohne Stimulation sank die Anfallshäufigkeit nur um 14 Prozent.

In der Folge wurde die tiefe Hirnstimulation in den USA und in Europa zur Behandlung schwerer Epilepsien zugelassen. Erste Erfahrungen in Deutschland seien sehr positiv, erklärte Baumann. «Diese Patienten erleiden deutlich weniger Anfälle. Statt täglich grosse Anfälle durchzumachen, müssen sie jetzt vielleicht nur wenige kleine Anfälle pro Woche erdulden.»

Erster Einsatz in der Schweiz bei Epilepsie

Der Zürcher Epilepsie-Patient ist der erste in der Schweiz, bei dem diese Methode eingesetzt wird. Der Mann hatte sich bereits 1998 einer Hirnoperation unterzogen, die nicht den gewünschten Erfolg gezeigt hatte, und nahm vier verschiedene Epilepsie-Medikamente ein. Die Ärzte hoffen, diese dank des Hirnschrittmachers in den nächsten Monaten absetzen zu können.

Bei einem epileptischen Anfall kommt es zu plötzlichen, unkontrollierten Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Diese können lebensbedrohlich sein oder Hirnschäden verursachen. Weltweit leidet etwa 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung unter einer aktiven Epilepsie.

Wenn Medikamente nicht genügend Wirkung zeigen, kann ein chirurgischer Eingriff helfen. Dabei wird das Hirngewebe, das die epileptischen Anfälle auslöst, entfernt. Jetzt bietet die tiefe Hirnstimulation eine weitere Therapiemöglichkeit für ausgewählte Patienten, denen andere Methoden keine Linderung gebracht haben.