Eine Überwachungskamera brachte die Wahrheit ans Licht, wie so oft, wenn es um ungeklärte Fälle geht. Bloss handelte es sich diesmal um ein gerade mal 90 Gramm schweres Minimodell, das mit einem Band an den Hälsen der mutmasslichen Täter befestigt war: einer Gruppe Hauskatzen.

Forscher der Universität von Georgia in den USA. hatten diese Methode gewählt, um herauszufinden, was Kitty und Simba so anstellen, wenn sie nicht schnurrend um die Beine ihrer Besitzer streichen, sondern ihrer Raubtiernatur folgend das Quartier durchstreifen. Auslöser war ein Konflikt zwischen Katzenfreunden und Biologen über die Bedrohung der einheimischen Fauna, wie er auch hierzulande entbrannt ist.

Als die Forscher das Videomaterial sichteten, stiessen sie auf Szenen, die die Verteidiger der Katzen leer schlucken liessen. Erstens mussten sie erfahren, dass diverse ihrer Lieblinge heimlich fremdgingen. Sie hatten sich Zweitbesitzer zugelegt, von denen sie sich regelmässig füttern liessen. Zweitens zeigten die Bilder eine Menge Jagdszenen – wobei die Katzen fast die Hälfte ihrer Opfer einfach liegen liessen, nachdem sie sie getötet hatten.

Tierschutz fordert nur noch eine Katze pro Haushalt

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Am besten auch kastrieren

Der Zürcher Tierschutz hat dieses Thema aufgenommen und sich gestern mit einem überraschenden Beitrag in die Debatte eingeschaltet. Er wollte wissen, wie stark die samtpfotigen Teilzeitjäger den Bestand ihrer Beutetiere tatsächlich bedrohen. Daher liess er einen Bericht zum aktuellen Stand der Forschung erarbeiten, wie er gestern per Medienmitteilung bekannt gegeben hat.

Das Ergebnis: Die wissenschaftlich erhärteten Fakten sind zwar noch zu lückenhaft, um die Frage abschliessend zu klären. Dennoch sei es ratsam, die Katzenpopulation vorsorglich einzudämmen. Diese liegt heute laut Bevölkerungsumfragen bei landesweit 1,4 Millionen Tieren, wovon fast eine Million regelmässig ins Freie gelangt. Um die Zahl zu senken, sollten Katzenbesitzer nach dem Vorschlag des Tierschutzes statt einer ganzen Katzenbande möglichst nur noch ein einzelnes Tier halten und dieses kastrieren.

Das gilt besonders für urbane Zentren, wo auf engem Raum deutlich mehr Hauskatzen leben als in ländlichen Gegenden. In der Stadt Zürich etwa drängen sich gemäss Hochrechnungen, die der Bericht erwähnt, auf jeden Quadratkilometer 430 Katzen.

Da Hauskatzen gehegt und gepflegt werden, kann sich laut dem Bericht ein Bestand entwickeln, der «weit über der natürlichen Tragfähigkeit der Umwelt» liegt – auch wenn domestizierte Katzen weniger Beute erjagen als ihre ungezähmten Verwandten und es zudem ausgesprochene Jagdmuffel gibt unter ihnen. In den Städten, wo manche Beutetiere wegen schwindender Lebensräume ohnehin geschwächt sind, könnte ihnen eine solche Übermacht an Fressfeinden den Garaus machen. Das gilt etwa für seltene Vögel wie den Gartenrotschwanz oder Reptilien wie die Smaragdeidechse.

Katzen haben aber auch schon lokalen Spatzenvorkommen dezimiert, wie englische Studien belegen, die der Bericht zitiert. Einen ähnlichen Verdacht äusserte mit Blick auf den Kanton Zürich kürzlich Matthias Villiger vom örtlichen Verband der Vogelschutzvereine gegenüber dem «Tages-Anzeiger», um das Schrumpfen der lokalen Spatzenbestände zu erklären.

Trotz aller Indizien fehlt laut dem Forschungsbericht ein Puzzleteil, ohne das sich der Einfluss der Hauskatzen auf ihre Umwelt nicht belegen lässt: Es gibt zwar diverse Studien, die zeigen, dass Katzen viele Beutetiere töten, aber kaum verlässliche Zahlen zum Vorkommen dieser Beutetiere und seinen Schwankungen. Und in den wenigen Ausnahmefällen, in denen solche Zahlen erhoben wurden, sind die Resultate uneindeutig.

Wenn ein Umweltrisiko aber plausibel erscheint, obwohl es nicht bewiesen ist, empfiehlt sich laut dem Bericht das Vorsorgeprinzip. Deshalb der Aufruf des Zürcher Tierschutzes an die Katzenbesitzer, sich auf ein einzelnes Tier zu beschränken. Für eine Hauskatze sei es kein Problem, alleine gehalten zu werden, solange sie nach draussen könne und so genug Umweltreize habe, sagt Verhaltensbiologin Claudia Kistler, eine der Autorinnen des Berichts. Katzen seien ursprünglich Einzelgänger.

Die drastischeren Alternativen

Aus Sicht des Zürcher Tierschutzes ist das nicht nur vertretbar, sondern es mindere auch die Gefahr, dass drastische Methoden wie in anderen Ländern zum Thema würden. Zum Beispiel, streunende Katzen abzuschiessen, Katzensteuern zu erheben, ein Ausgangsverbot für Hauskatzen zu erlassen, den Katzen ein Glöckchen anzuziehen oder ihnen die Krallen zu entfernen.

Bei der für den Naturschutz zuständigen kantonalen Baudirektion teilt man zwar die Einschätzung des Zürcher Tierschutzes, möchte den Vorschlag aber spontan nicht kommentieren. Der Zürcher Verein der Katzenzüchter und Katzenliebhaber äusserte sich auf Anfrage nicht dazu.