Zukunftsforschung
Zukunftsforscherin verrät die Trends fürs Jahr 2013

Karin Frick leitet am Gottlieb-Duttweiler-Institut die Erforschung von Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum der Zukunft. Sie verrät die Trends fürs Jahr 2013 und wie man sich die Gesellschaft der Zukunft vorstellen kann.

Michael Rüegg
Merken
Drucken
Teilen
So sieht ein fahrerloses Google-Auto die Welt (links), Forschungsleiterin Karin Frick (rechts)

So sieht ein fahrerloses Google-Auto die Welt (links), Forschungsleiterin Karin Frick (rechts)

Keystone/ZVG

Karin Frick, welchen Trend können Sie fürs Jahr 2013 ausmachen?

Karin Frick: Am meisten prägen und verändern neue Technologien unseren Alltag. Das spürt man auch beim Einkaufsverhalten: Online einzukaufen spielt eine immer grössere Rolle, vor allem mit dem Smartphone. Spannend wird aber vor allem die Frage: Was geschieht mit den stationären Ladenflächen, wenn alle Welt von zu Hause aus shoppt?

Moment... Wie kommt es, dass ich Sie nach 2013 gefragt habe, und Sie haben die Wirtschaftskrise nicht erwähnt?

Ich frage Sie: Wessen Krise? Wenn man in die Zukunft schaut, muss man sich immer fragen, von welchem Blickwinkel aus man sie betrachtet. Die Schweizer Konsumenten sind von der Finanzkrise weniger betroffen als andere Länder. Die aktuellen Prognosen deuten nicht darauf hin, dass die Wirtschaft in unserem Land zusammenbrechen wird.

Wie erstellen Sie denn Ihre Prognosen?

Wir reden von der Zukunft nicht in der Einzahl, sondern in der Mehrzahl. Es gibt immer verschiedene Szenarien mit alternativen Möglichkeiten. Neue Entwicklungen bauen sich auf. Wir beobachten die Politik, die Technologie, die Wirtschaft. Daraus ergibt sich ein Gesamtbild.

Welche Hilfsmittel nutzen Sie?

Das sind einerseits Umfragen und Analysen, beispielsweise von Social Media. Eine andere Methode ist, Hypothesen zu entwickeln und diese im Gespräch mit anderen Experten zu überprüfen.

Nehmen Sie und Ihre Kollegen damit nicht selber Einfluss auf die Zukunft, indem Sie Trends quasi mitgebären?

Es kann schon sein, dass wir Gedanken formulieren, die jemanden dazu inspirieren, etwas zu erforschen und umzusetzen. Oder man entwickelt ein Katastrophenszenario, in der Hoffnung, dass es dazu beiträgt, ein solches Unglück zu verhindern. Wenn man bedrohliche Szenarien erstellt, will man ja, dass Massnahmen dagegen getroffen werden.

Die Fantasie prägt die Zukunft?

Sehr sogar. Steve Jobs konnte sich zum Beispiel ein Handy vorstellen, dass sich andere nicht vorstellen konnten. Daraus ist das iPhone entstanden.

Wie viel Einfluss hat denn ein einzelner Mensch auf die Zukunft?

Ein Einzelner für sich allein ist wirkungslos. Damit sich eine Wirkungsmacht entfaltet, braucht es immer eine Gruppe, aus der heraus eine Idee wächst. Das war auch bei Apple so. Wer etwas Neues erschafft, braucht ein Umfeld, einen Schwarm, der ihm hilft, seine Vision zu verwirklichen. Innovationen entstehen im Austausch.

Aber die Geschichtsschreibung ordnet Fortschritt gerne einzelnen Personen zu.

Das entspricht wohl dem Bedürfnis der Geschichtsschreiber. Ideen werden personalisiert, damit sie fassbarer werden. Marxismus, zum Beispiel. Aber schauen Sie sich mal ein grosses Gebilde an, die UBS zum Beispiel. Wie will ein einzelner Mensch so etwas steuern?

Andere Frage: Wie sollen wir uns die Gesellschaft der Zukunft vorstellen?

Das zentrale Thema für westliche Länder wird sein, dass wir nicht mehr in einer jungen, sondern in einer alten Gesellschaft leben werden. Ich rede hier nicht nur von Pflegebedarf und Finanzierung. Mit 20 haben Sie andere Perspektiven als mit 50 oder 60. Die älteren Generationen werden eine reifere Gesellschaft prägen, zwar gesund, aber mit anderen Prioritäten. Im letzten Jahrhundert hatten wir Jugendwahn und Popkultur. Die Akzente werden sich verschieben: von einer Gesellschaft, die von Träumen lebt in eine Gesellschaft, die von Erinnerungen lebt.

Sie beschäftigen sich auch mit Daten, die über uns gesammelt werden.

Ja, alles, was wir tun, verwandelt sich in Daten. Wir produzieren unentwegt Daten über uns selber. Diese Daten kann man analysieren und damit sehr viel über Personen erfahren. Das macht das Leben enorm transparent. Nun muss man sich fragen, was mit diesen Daten geschieht, wem sie gehören? Unternehmen können sie nutzen, um Ihnen etwas zu verkaufen. Aber es geht darüber hinaus: Sie können mit solchen Daten einen Spiegel Ihres eigenen Verhaltens erstellen.

Und wozu wird das dienen?

Das beobachten wir. Die Technologien sind verfügbar, die Anwendung hat aber erst begonnen.

Wir produzieren Daten, indem wir kommunizieren?

Ja, wir haben eine regelrechte Kommunikationsexplosion, fast schon eine Überlastung. Und auf der anderen Seite Leute, die sich dem gezielt entziehen. Man kann von einer Informationsfettsucht sprechen.

Kann man sich dieser Informationsüberfettung nicht entziehen?

Nicht vollständig. Wenn Sie sich abhängen, sind Sie weg vom Fenster. Ohne Netzzugang können Sie vieles nicht mehr wahrnehmen. Dann werden Sie zum Einsiedler.

Also eher temporäre Auszeiten?

Ja, zum Beispiel Kommunikationsdiäten. Zeiten, in denen man bewusst auf E-Mail und SMS verzichtet, also eine Art Fastenkuren. Bei Informationsüberfluss muss man ein bewussteres Konsumverhalten entwickeln, das ist wie beim Essen. Nur weil die Regale im Supermarkt voll sind, muss man nicht alles in sich hineinstopfen. Interessant ist zum Beispiel, dass im Silicon Valley Montessori-Kindergärten boomen – also Eltern aus der Hightech-Branche wollen, dass ihre Kinder möglichst technologiefrei aufwachsen.

Sie beobachten die Zukunft seit Jahren. Gab es eine Entwicklung, die Sie überrascht hat?

Ja, der Google-Car.

Was ist das?

Google hat ein Auto entwickelt, das selber fährt, ohne Fahrer. Diese Visionen gab es zwar schon lange, das war Science Fiction. Jetzt ist das Auto Realität, früher als ich erwartet hätte. In Nevada hat er den Führerschein gemacht. Die Technik steuert besser als der Mensch.

Könnte die Technik auch einen Staat oder ein Unternehmen steuern?

Wir haben heute enorm komplexe Systeme und müssen uns bei Entscheidungen immer auf Technologie verlassen. Man kann sich die Frage durchaus stellen: Wäre es nicht besser, wenn das System – also eine kollektive Intelligenz – steuert, als eine Person, die ihre Einschränkungen hat.

Findet das Leben in der Zukunft vor allem digital statt? Das Handfeste scheint verloren zu gehen.

Nicht nur, denken Sie an 3-D-Drucker, das wird ein riesiger Trend werden.

In New York kann man seine eigenen Geschlechtsteile scannen und als Silikonmodell ausdrucken.

Na ja, das ist quasi eine von vielen Anwendungen. Vor zwanzig Jahren ist diese Idee erstmals beschrieben worden, als «Santa Claus Machine», die auf Wunsch Dinge herstellt. Nun kommen diese Drucker auf den Markt, das wird sehr schnell gehen. Die Geräte werden die Welt verändern. So, wie man heute ein Foto zu Hause ausdrucken kann, kann man künftig selber Gegenstände ausdrucken. Man muss sie also nicht mehr kaufen, sondern kann sie zu Hause produzieren.

Das heisst, ich kann ins Kunsthaus gehen, eine Giaccometti-Statue mit dem Handy scannen und zu Hause nachbilden?

Genau. Ausser, dass Sie nicht mehr ins Kunsthaus gehen müssen, den Giaccometti können Sie aus dem Internet runterladen. In Japan kann man Familienfoto in 3-D machen und die ganze Familie wie eine kleine Puppenstube aufstellen. Heute kann man in jeder Situation ein Foto machen. In der Zukunft können wir von allem dreidimensionale Modelle herstellen.

Und wo sollen wir diese hinstellen?

In die leeren Bücherregale. Immer mehr Dinge, die wir früher physisch hatten, brauchen wir nicht mehr, eben auch Bücher, Musik, Zeitungen. Wir reden von einer Ent-Materialisierung.

Schafft das nicht Sehnsüchte nach dem Alten, Materiellen?

Doch, aber die leben als Retro-Apps weiter, wie zum Beispiel Wählscheiben für das Smartphone. Diese Retro-Sehnsucht ist real. Ich vergleiche das mit einem Cheminée: Es schafft Ambiente, aber ist nicht da zum Heizen. Das ist pure Nostalgie.

Kann ich künftig auch mein Zürcher Geschnetzeltes zu Hause ausdrucken?

Das gehört in die Kategorie Büchsenravioli. Bei Esswaren heisst Selbermachen eher, dass man auf dem Balkon einen kleinen Garten pflegt oder seine Sachen beim Bauer holt. Der Trend hier heisst Urban Farming, also Anbau in städtischen Nischen.