Ein leiser Singsang erklingt aus dem Untergeschoss der Bibliothek im Gemeindehaus der Israelitischen Cultursgemeinde Zürich (ICZ) an der Lavaterstrasse. Ein Junge ist damit beschäftigt, einen hebräischen Tora-Abschnitt für seine Bar-Mitzwa-Feier auswendig zu lernen. Nach jüdischer Tradition wird er ihn am Tag seines 13. Geburtstages in der Synagoge vortragen und damit seine Religionsmündigkeit erlangen.

Die Bibliothek der grössten jüdischen Gemeinde in der Schweiz wurde 1939 gegründet und zählt heute pro Jahr rund 5000 Besucher. «Bei uns findet man Bücher und Filme von jüdischen Autoren sowie alles, was mit jüdischen Themen zu tun hat», sagt Bibliothekarin Kerstin Paul. Die Bibliothek der ICZ wurde vor fünf Jahren zum «Kulturgut von nationaler Bedeutung» ernannt und umfasst 50 000 Bücher in jiddischer, hebräischer und deutscher Sprache.

Darunter befinden sich neben der Belletristik auch wertvolle wissenschaftliche Arbeiten. Diese sorgen seit vergangenem Frühjahr für Gesprächsstoff. Grund dafür: Die Gemeinde muss sparen. Uneinig ist man sich jedoch darüber, wo der Rotstift angesetzt werden soll.

Edgar Abraham, ehemaliges Mitglied des ICZ-Vorstandes sieht als Möglichkeit die Ausgliederung der wissenschaftlichen Schriften an die Zürcher Zentralbibliothek (ZB): «Dort wären die Bücher auf viele Jahre hinaus gut aufgehoben. Die Qualität der Betreuung wäre optimal und wegen der Finanzen müsste man sich keine Sorgen machen. Auch der Zugang für ein breites Publikum sowie für die Wissenschaft wäre gewährleistet.» Erste Verhandlungen mit der ZB seien vielversprechend verlaufen.

Gegner Charles Lewinsky

Prominenter Gegner dieses Vorhabens ist Schriftsteller Charles Lewinsky (siehe Interview). Er hat eigens einen Verein gegründet, mit dem Ziel, den wissenschaftlichen Teil am bisherigen Standort zu behalten. Darüber hinaus möchte er die Bibliothek zu einem «überregional wirksamen Zentrum für jüdische Geistesgeschichte in Zürich» ausbauen.

Der eigentliche Schatz des Hauses ist die sogenannte Breslauer Bibliothek. Sie umfasst 11 000 Bücher, davon liegen 3400 im Archiv des ICZ. Es handelt sich um Schriften aus der ehemaligen Breslauer Seminarbibliothek, die das Nazi-Regime überdauert haben und nach dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz kamen.

Verwaltet wird die Sammlung von der ICZ, Besitzer ist aber der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG). Dieser beobachtet die Diskussion um die Bibliothek deshalb mit Argusaugen, hält sich jedoch im Hintergrund.

Kein Thema beim Runden Tisch

Bislang sind die Sparpläne nur innerhalb der ICZ ein Thema. Beim Interreligiösen Runden Tisch des Kantons Zürich habe es keine Gespräche darüber gegeben, sagt Sekretär Philippe Dätwyler. Genauso beim «Zürcher Forum der Religionen». «Wir würden es aber begrüssen, wenn die Bibliothek in ihrer heutigen Form bestehen bliebe», sagt Virginia Suter Reich, Leiterin der Geschäftsstelle. Es sei ein Schmuckstück, das im Programm der öffentlichen Führungen zum «jüdischen Zürich» jeweils einen festen Bestandteil habe.

Neben einer Ausgliederung, wie sie Abraham vorschwebt und dem Vorhaben von Lewinsky bliebe die Option, bei einem anderen Posten zu sparen. Die Gemeindemitglieder werden voraussichtlich im Sommer darüber abstimmen, was mit der geschichtsträchtigen Bibliothek geschehen soll.