Sie sind grenzenlos ehrlich, ihre Emotionen, ob gut oder schlecht, spürt man sofort – und sie fallen den meisten auf: Gemeint sind die Athleten von Special Olympics, der weltweit tätigen Sportbewegung für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung.

Um den Bereich Unified, der Menschen mit Beeinträchtigung in bestehende Sportvereine und -veranstaltungen integriert, weiter auszubauen, engagierte Special Olympics Switzerland Dominik Holl. Der 34-jährige Sportlehrer hat im Januar die neu geschaffene Stelle des regionalen Koordinators für die bevölkerungsreichen Kantone Zürich und Aargau übernommen. Dabei unterstützt er in einem 60-Prozent-Pensum Sportvereine, die am Unified-Programm teilnehmen. Das heisst, er stellt angepasste Trainings für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigung zusammen.

Graubünden war Vorreiter

Holl arbeitet bereits seit einigen Jahren für Special Olympics. Bisher war er für die ganze Deutschschweiz zuständig. Am stärksten ist das Unified-Programm bislang in Graubünden vertreten. «Dort fand nach den National Winter Games 2016 ein richtiger Aufbruch statt», sagt Holl. Nun soll das Projekt auch in den Kantonen Zürich und Aargau aktiver umgesetzt werden. «Die Stelle wurde hier eröffnet, doch wir hoffen, dass dies eine Signalwirkung auf andere Kantone hat», sagt der Luzerner.

Bei «Unified» sollen das bestehende Wissen und die Strukturen von Sportvereinen genutzt werden. «Seit die Schweiz 2014 die UNO-Behindertenrechtskonvention unterschrieb, sind wir als Gesellschaft gefordert, Menschen mit Beeinträchtigung gleichberechtigten Zugang zu Freizeitangeboten zu ermöglichen», sagt Holl.

Doch vielerorts werden geistig Beeinträchtigte noch nicht integriert und haben keinen Zugang zum Sport. Im Gegensatz zu den Paralympics, bei denen körperlich Beeinträchtigte gegeneinander antreten, sei Special Olympics noch nicht so bekannt, sagt Holl. Es gibt zwar Angebote, beispielsweise von Plusport, dem Dachverband des schweizerischen

Behindertensports, oder von Insieme, der Dachorganisation der Elternvereine für Menschen mit geistiger Behinderung. Hierbei handelt es sich aber spezifische Angebote für Menschen mit Beeinträchtigung. «Unser Ziel ist es jedoch, dass Kinder und Jugendliche einen uneingeschränkten Zugang zu Bewegungsangeboten haben und in bestehenden Vereinen nicht nur sportlich, sondern auch sozial integriert sind», sagt Holl. Dies ermögliche einerseits eine optimale sportliche Förderung durch speziell ausgebildete Trainer, andererseits fördere dies Begegnungen von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung.

Umarmung oder Anschiss

Holl trainierte jahrelang selbst geistig beeinträchtigte Kinder im Zirkus. «Dabei muss man oft langsamer vorwärtsgehen, mit Bildern arbeiten und Pausen ermöglichen», sagt er. Doch es mache auch sehr viel Spass, mit den Kindern zu arbeiten. Das Feedback komme sehr rasch. «Am Ende des Sports umarmen sie den Trainer – oder es kann auch dazu kommen, dass sie mit dem Kommentar rauslaufen ‹mich schiisst das a›.» In jedem Fall wisse man genau, woran man sei.

Der zweifache Familienvater hat aber auch Erfahrungen gemacht, die ihm zeigten, wie schwierig es ist, tatsächlich in die Strukturen der Sportklubs reinzukommen. «Viele Klubs sagen, sie sind offen. Doch das Problem ist, dass die Kinder mit Beeinträchtigungen nicht automatisch kommen», sagt er. Man müsse ihnen die Möglichkeit geben, damit sie sich wirklich in einem Sportverein wohlfühlen können. Dabei sind die Interessen der geistig Beeinträchtigten meist ähnlich wie die der anderen Kinder. «Fussball, Unihockey oder Judo stehen hoch im Kurs», so Holl.

Alle zwei Jahre richtet Special Olympics Switzerland «National Games» aus – abwechslungsweise im Winter und Sommer. Dabei geht es nicht in erster Linie um Leistung, sondern um Erfolgserlebnisse. Entsprechend gibt es mehr Kategorien, in denen die Sportler eine Medaille gewinnen können. Die Idee dahinter: Gute Chancen auf eine Medaille motivieren. «Nach einem Wettkampf sagte mir eine Dreifachsiegerin: ‹Das sind heute meine ersten Goldmedaillen›», sagt Holl.

Beschwerden von allen Seiten

Im Trainingsalltag der aussergewöhnlichen Athleten sind Hindernisse und Reklamationen laut Holl vorprogrammiert: Einerseits rufen Eltern gesunder Kinder an, ihre Kinder würden zu wenig gefördert. Andererseits befürchten Eltern beeinträchtigter Kinder, ihre Kinder würden überfordert. Doch vonseiten der Kinder sieht die Situation meist viel unkomplizierter aus. «Wohl muss man ihnen anfangs kurz erklären, weshalb das eine Kind anders läuft oder sich anders verhält, aber bald ist das ganz normal für den Rest der Gruppe», sagt Holl.

Was bleibe, sei ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Athleten. Und nicht zuletzt stolze Eltern und Kinder, denn Letztere werden erstmals nicht vor allem als «special», sondern als normale Sportler wahrgenommen.