Gärtner verteilen Kies auf den Bauminseln. Bauarbeiter sind kaum noch zu sehen. Einer fräst Buchstaben in die abnehmbaren Steinplatten, unter denen sich die Verankerungen für Zirkuszelte befinden. Die Buchstaben zeigen an, wo das grosse Zelt des Zirkus Knie und wo kleinere Zirkuszelte festzumachen sind. Der neue Sechseläutenplatz ist fast fertig. Was noch fehlt, ist die Möblierung: Stühle und Sitzbänke. Und das Wasserspiel, das schon bald bis zu acht Meter, im Normalfall ein bis zwei Meter hohe beleuchtete Wasserstrahlen ausspucken soll, ist noch eingezäunt. Doch Ende März sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein, wie beim Stadtzürcher Tiefbauamt zu erfahren ist. Zürich hat sein neues Vorzeigebauwerk.

Ein Bijou? Ein Prunkbau? Oder eine «Wüste Gobi», wie der 16 000 Quadratmeter grosse und 17 Millionen Franken teure Steinplatz aus Valser Quarzit auch schon genannt wurde? Die Meinungen gehen auseinander. Feststeht: Dort, wo früher die meistens niedergetrampelte, bei Regen zu Morast werdende Sechseläutenwiese war, ist nun ein deutlich grösserer, durch seine Weite und das beruhigend wirkende Bodenmaterial beeindruckender Ort für Flaneure entstanden. Im Sommer dürfte es heiss werden auf dem Platz, doch an den Rändern spenden Baumgruppen Schatten und brechen das Bild von der steinernen Einöde.

«Schön ists geworden», sagt ein älterer Herr, der den Platz inspiziert. Immer wieder bleiben Passanten stehen und begutachten das Werk, fotografieren es oder setzen sich auf die Treppen vor dem Opernhaus, um bei einer Zigarette den Blick über den weiten Platz schweifen zu lassen.

Die Weite ist noch ungewohnt für Zürich, diese alte Zwingli- und Zünftestadt, die sich mit grossen architektonischen Würfen oft schwertut. Der nach der Verlegung der Parkplätze vor dem Opernhaus in den Untergrund mehr als doppelt so grosse Platz ist Ausdruck einer neuen Urbanität. Die Stadt ist rasant gewachsen in den letzten 20 Jahren. Kürzlich begrüsste sie ihren 400 000sten Einwohner, nachdem sie zuvor lange Zeit geschrumpft war.

Doch vor dem ganz grossen Wurf schreckten die Stadtoberen zurück, als sie um die Jahrtausendwende die Neugestaltung des Platzes planten. Er wolle dessen Eröffnung noch erleben, sagte der damalige Hochbauvorsteher und spätere Stadtpräsident Elmar Ledergerber damals, als er gefragt wurde, warum der Platz nicht gleich bis zum See erweitert werde. So bildet weiterhin Verkehrslärm von der Strasse zwischen Platz und See die Geräuschkulisse, und die Luft ist schlechter, als sie sein könnte.

Dennoch hat die Bevölkerung den neuen Sechseläutenplatz, der Ende April offiziell eingeweiht wird, längst in Beschlag genommen. Kinder flitzen mit ihren Trottinetts über die Steinplatten. Ein Veloakrobat übt vor dem Opernhaus seine Kunststücke. Und je tiefer die Abendsonne sinkt, um so länger werden die Schatten der Passanten, die über den neuen Platz flanieren.

Zürich hat sein neues Wahrzeichen. Die Türme des Grossmünsters wirken klein, wenn man über den Sechseläutenplatz schaut.