Bevor Peter Stocker das Eiswehr betritt, gibt er der Kantonspolizei Zürich telefonisch Entwarnung. Die ganze Anlage ist nicht nur alarmgesichert, sondern auch von einem hohen Metallzaun mit Zacken vor Eindringlingen geschützt. Der Mitarbeiter des kantonalen Tiefbauamts erzählt grinsend, dass früher Leute auf den Mauern seitlich des Wehrs «gesünnelet» hätten.

Das sei heute undenkbar. Ins Pflichtenheft von Stocker und seinen Kollegen, die hauptsächlich für den Unterhalt der nahen A3 zuständig sind, gehört auch eine wöchentliche Kontrolle des Eiswehrs. Das gut gesicherte Bauwerk überspannt die Sihl oberhalb der Zürcher Innenstadt, im Naherholungsgebiet Allmend Brunau, zwischen Leimbach und Sihlcity, wo sich sonst nur Hündeler und Jogger begegnen. Das Wehr wurde 1969 gebaut, um die Sihlhochstrasse vor schwimmenden Eisblöcken zu bewahren. Der 1974 fertiggestellte «Autobahnstummel», der schon bald als Bausünde und Schandfleck galt, steht auf hohen, vergleichsweise filigranen Betonsäulen im Fluss.

Aufs Planschbecken verzichtet

Das befürchtete Naturereignis nennt sich Eisgang und meint den Effekt, wenn sich nach einer langen Kälteperiode bei Tauwetter die Eisdecke löst und riesige Schollen den Fluss hinuntertreiben. Sie gefährden die Brückenpfeiler. Eine weitere Gefahr stellen sogenannte Verklausungen dar: sich verkeilende Eisplatten, die den Wasserdurchfluss hemmen und Überschwemmungen zur Folge haben können.

In der Eiswehrkanzel gleicht Stocker einem Kapitän. Von hier kann er das Rückhaltebecken überblicken sowie die beiden Wehrverschlüsse. Die je zwei Schütze – Zylinderschnitze aus massivem Stahl – «fährt» er per Computer auf und ab, wenn nötig auch per Fernsteuerung auf der Brücke. Hydraulische Pumpen setzen die Bewegung um. Momentan befinden sich die Klappen in Winterstellung. Diese lässt zu, dass die Sihl gemächlich durchfliessen kann, sie würde Eisplatten aber zurückhalten. Im Uferraum der Sihl ist an dieser Stelle genug Platz. Die ganz offene Sommerstellung, die von Mai bis Oktober dauert, lässt den Fluss ungehindert durchfliessen. Von einer ursprünglich gehegten Idee, durch teilweises Schliessen des Wehrs zu einem Planschbecken für Badefreudige zu kommen, hat man offenbar abgesehen. Dennoch kommt dem Eiswehr auch in den Sommermonaten eine wichtige Funktion zu: Es könnte im Fall eines Öl- oder Chemieunfalls im Sihltal geschlossen werden, und die Feuerwehr könnte dort gebundene Schadstoffe gut absaugen.

«Dauernd auf Pikett»

Das Eiswehr ist in seiner Art in der Schweiz einzigartig. Nur an nordeuropäischen Flüssen kennt man ähnliche Einrichtungen. Konstruiert wurde es unter anderem nach Versuchen an einem hydraulischen Modell an der ETH Zürich. Wichtig ist laut Stocker, dass mit dem beweglichen Schütz dem Fluss kontrolliert Eis mitgegeben werden kann. Dazu senkt der «Steuermann» die Klappen , bis das Eis darüberragt und beim erneuten Heben in kleinere Stücke zerbricht. Diese schwimmen dann unter der Sihlhochstrasse hindurch – ohne deren Stützen in Mitleidenschaft zu ziehen. Diese Arbeit verlangt Stocker und seinen Kollegen viel Fingerspitzengefühl und Augenmass ab.

Bisher ist es diesen Winter für die Truppe des Tiefbauamts beim wöchentlichen Kontrollgang geblieben. Letzten Winter hingegen waren sie «dauernd auf Pikett» und mindestens einmal täglich beim Eiswehr. Richtig in Worte fassen kann Stocker ein solches Naturereignis, das alle paar Jahre vorkommt, nicht. Er sagt nur: «Wenn das Eis kommt, rumpelt und knirscht es ganz schön.»