Als «begehbare App» hatten die Grünliberalen einst die geplante Dauerausstellung über Zürich im Landesmuseum verspottet. Das war im Vorfeld des Referendums von 2015. Das Stimmvolk gab damals grünes Licht. Und nun ist sie da, die neue Sonderausstellung mit Gratiseintritt. «Einfach Zürich» lautet ihr Titel.

Einfach war die Aufgabe für die Ausstellungsmacher indes nicht: In nur drei Räumen sollten sie auf 330 Quadratmetern die Geschichte von Stadt und Kanton Zürich darstellen. Das Team um Martin Heller und Tristan Kobler hat aus diesem engen Rahmen überraschend viel herausgeholt. Genauer: Es hat ihn gesprengt – und doch stehen die Mauern des alten Museumsbaus noch. Sie beherbergen nun eine ab 2. Februar geöffnete Ausstellung, die Zürcher Geschichte(n) mit darstellerischen Mitteln des 21. Jahrhunderts erlebbar macht.

Spektakulär wirkt dies im dritten Raum, den das Publikum nach einem etappierten Spannungsaufbau erreicht: Auf drei Wänden flimmern grossflächig bewegte 3-D-Animationen. Der Besucher taucht damit etwa in die Unterwelt des Zürcher Hauptbahnhofs ein, umgeben von dort aufgenommenen Geräuschen. Oder er hat das Gefühl, durchs Tösstal zu schweben und in eine mit Wasserkraft betriebene Spinnerei einzudringen. So lässt sich Zürcher Textilindustriegeschichte auf noch nie da gewesene Art erkunden. Weitere dreidimensionale Reisen führen zum einen über den Zürichsee zur unterirdischen Wasserversorgung; zum anderen durch die Zürcher Altstadt in den Lindenhofkeller zu den archäologischen Überresten der Anfänge Zürichs in der Römerzeit.

Man hat vergleichbare Animationen schon auf Google Earth oder in Computerspielen gesehen, wenn auch nicht mit diesen zürcherischen Inhalten. Doch durch das Raumerlebnis und die grossflächige Projektion auf drei Wände entsteht eine Wirkung, wie sie auf Computerbildschirmen oder gar Handys nie erreichbar ist. Hier ermöglicht das Museum eine neue Intensität. Grosses Kino.

Vom Bunker zur Seeschlacht

Grosse historische Erkenntnisse sind damit noch nicht gewonnen. Diesen Anspruch erfüllt dafür der zweite respektive mittlere Raum der Ausstellung. Im Zentrum stehen 100 Glasvitrinen, von denen 60 mit jeweils einem historischen Objekt gefüllt sind. Davor stehen grosse Touchscreens, auf denen sich die Geschichten zu den Objekten abrufen lassen.

So verweist beispielsweise die Alarmsirene der Klinik Rheinau auf die Zürcher Psychiatriegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Oder ein plakativer gelber Stern auf rotem Grund auf die «Autonome Republik Bunker» und damit auf die Zürcher Ausläufer der 1968er-Bewegung. Gleich um die Ecke findet sich in einer Vitrine ein grosser Holzschild aus dem Alten Zürichkrieg. Tippt man dessen Abbild auf dem Touchscreen an, erfährt man, was sich im 15. Jahrhundert begab: Zürich verkrachte sich mit der noch jungen Eidgenossenschaft. Die Schwyzer versuchten, das mit Zürich verbündete Rapperswil auszuhungern. 1445 gewann Zürich schliesslich die entscheidende Seeschlacht.

Die erläuternden Texte sind knapp gehalten. Dafür sind viele Bilder zu sehen. So wird Geschichte anschaulich. Natürlich handelt es sich immer nur um Ausschnitte. Doch wer sich Zeit nimmt, kann in alle historischen Epochen eintauchen und so allmählich einen Überblick über die Zürcher Vergangenheit gewinnen. Bis hierhin begeistert die «begehbare App».

Noch sind allerdings erst 60 der 100 Glasvitrinen gefüllt. Die Aussteller machen damit deutlich, dass Geschichte immer unvollendet ist – und dass sich Geschichtsbilder weiterentwickeln. Weiterentwickeln wird sich auch die Ausstellung: Stück für Stück sollen in den nächsten Jahren weitere Objekte hinzukommen, die zu neuen Zeitreisen einladen. Die Leihverträge für die Objekte sind auf jeweils fünf Jahre abgeschlossen, wie Heller beim gestrigen Medienrundgang sagte.

Bleibt noch der erste Raum der Ausstellung: Auf 20 Bildschirmen sind hier jeweils 30-sekündige Filme über Zürcher Gemeinden zu sehen. Die Idee ist gut gemeint: Zürich ist nicht nur Metropole, sondern dazu zählen aktuell 162 Gemeinden, zudem Gruppierungen wie jene der Bündner oder der Deutschen im Raum Zürich.

Doch sowohl der Erkenntniswert als auch das visuelle Erlebnis sind in diesem Raum eher bescheiden. So wird zu Schlieren eine nächtliche Zeitraffer-Aufnahme von einer Tankstelle gezeigt und damit das Klischee der gesichtslosen Agglo-Gemeinde bewirtschaftet. Zu Richterswil erscheint – ebenfalls naheliegend – die Räbechilbi, für die Richterswil eben berühmt ist. Als lockerer Einstieg mag dies taugen. Doch die spannenden Räume öffnen sich erst danach.

Zürich erhält im Landesmuseum eine Gratis-Ausstellung über Zürich

Der Hauptbahnhof, der Lindenhofkeller oder eine Spinnerei im Tösstal lassen sich auf völlig neue Art und Weise erleben.

Die Einrichtung der Räume kostete gut vier Millionen Franken. Diese Kosten teilten Stadt und Kanton untereinander auf. Die Betriebskosten belaufen sich auf jährlich 900'000 Franken. Je einen Drittel davon zahlen Stadt, Kanton und Landesmuseum.