Zürich
Zur Förderung der Bienenbestände soll der Kanton die Stelle eines Bienenbeauftragten schaffen

Manche Mähwerke zerquetschen unzählige Bienen. Das ist nur ein Grund, weshalb die Tiere unter Druck kommen. Hilft ein Bienenkonzept?

Patrick Gut
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Eine Biene fliegt eine Krokusblume an.

Eine Biene fliegt eine Krokusblume an.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Das Bienenleben ist kein Zuckerschlecken. Zunehmend fehlt es an Nahrungspflanzen und Lebensräumen. Die Tiere werden haufenweise von sogenannten Mähaufbereitern zerquetscht oder nehmen Schaden durch unsachgemässe Anwendung von Pflanzenschutzmitteln. Gibt ihnen das nicht den Rest, besorgen es die Varroamilbe oder die Bakterienkrankheiten Faul- und Sauerbrut.

Dass es um die Honig- und wohl auch um die Wildbienen nicht gut bestellt ist, ist kein Geheimnis. Schon 2018 haben deshalb die FDP-Kantonsrätin Ann Barbara Franzen (Niederweningen) und ihr Parteikollege Christian Schucan (Uetikon) ein Postulat eingereicht. Das Ziel: Die Bienenbestände im Kanton Zürich sollen gefördert werden.

Der Vorstoss wurde im April 2019 vom Kantonsrat an die Regierung überwiesen, und nun liegt der Bericht dazu vor. Der Regierungsrat verweist auf das kantonale Bienenkonzept, das von Fachstellen des Amtes für Landschaft und Natur (ALN) und dem Veterinäramt erarbeitet worden ist. Das 45-seitige Dokument wurde im Juli 2020 publiziert.

500 Stunden pro Jahr müssen reichen

Der Kanton Zürich soll die Stelle eines oder einer Bienenbeauftragten schaffen, lautet die wichtigste Empfehlung aus dem Bienenkonzept. Der Aufgabenkatalog ist umfangreich. So müsste der Beauftragte unter anderem ein koordiniertes Vorgehen aller Akteure gewährleisten. Er oder sie wäre Ansprechperson für sämtliche Belange bezüglich Wild- und Honigbienenförderung und würde auch Beratung und Information anbieten. Und er wäre dafür zuständig, die Gebiete mit dem grössten Potenzial für die Wildbienenförderung im Kanton zu eruieren.

Für dies und mehr sollen pro Jahr 500 Stunden – also etwa ein 25-Prozent-Pensum – ausreichen. Die Stelle würde für drei Jahre vergeben. Für 2021 sind die Kosten bereits budgetiert.

Mähen soll bei starkem Bienenflug unterlassen werden

Das Konzept sieht weitere Massnahmen mit hoher Priorität und Wirkung vor, wie es im Bericht des Regierungsrats heisst. Unter anderem will man eine bienenfreundliche Bewirtschaftungspraxis unterstützen.

Potenzial sieht man unter anderem beim Mähen. So soll das Mähen blühender Felder bei starkem Bienenflug möglichst unterlassen werden.

Mähen sollte man eher bei Wind, kühlen Temperaturen oder stärkerer Bewölkung, weil die Bienen unter solchen Bedingungen weniger aktiv sind. Auch die Tageszeit spielt eine Rolle: Gegen Mittag nimmt die Aktivität der Bienen jeweils deutlich zu, gegen Abend lässt sie rasch nach. Bei grossen Flächen empfiehlt sich zudem gestaffeltes Mähen.

Wichtig ist auch die Mähtechnik, die angewandt wird. Mähwerke mit integriertem Aufbereiter haben in der Studie besonders schlecht abgeschnitten. Die Aufbereiter – sie knicken und quetschen das Mähgut– haben sich als wahre Bienenkiller erwiesen. Bis zu 60 Prozent der Bienen, die unterwegs waren, überlebten die Begegnung mit dem Gerät nicht.

Das kantonale Bienenkonzept listet einen reduzierten und optimierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln als weitere Massnahme auf. Prioritär soll diese aber nicht umgesetzt werden. Im Bericht des Regierungsrats zum Postulat fehlt diese Massnahme gänzlich. Pflanzenschutzmittel im Zusammenhang mit Bienen wurden im Kantonsparlament bereits in mehreren Vorstössen thematisiert.

Gewisse Pestizide auf Kantonsland verbieten

2014 wollten die beiden GLPKantonsrätinnen Judith Bellaïche (Kilchberg) und Denise Wahlen (Zürich) mit dem Postulat «Rettet die Bienen» erreichen, dass auf kantonseigenem Kulturland keine bienenschädigenden Pestizide – wie beispielsweise Neonicotinoide – eingesetzt werden dürfen. Der Regierungsrat kam in seiner Antwort zum Schluss: «Zur Förderung der Bienengesundheit würde ein Verbot der bienentoxischen Pestizide für kantonale Betriebe nach neuesten fachlichen Studien keinesfalls beitragen.»

Folgerichtig beantragte er dem Kantonsrat, das Postulat nicht zu überweisen. SVP-, FDP-, CVP- und EDU-Kantonsräte folgten dem Antrag und lehnten das Postulat im November 2015 mit 94 zu 77 Stimmen ab. Unter dem Titel «Rettet die Bienen – zum Zweiten» wurde der Vorstoss im Mai 2018 wiederbelebt. Die Postulantinnen Judith Bellaïche (Kilchberg), Barbara Schaffner (Otelfingen) und Sonja Gehrig (Urdorf), alle GLP, berufen sich darauf, dass die EU drei Pestizide aus der Familie der Neonicotinoide wegen ihrer Giftigkeit für Bienen und andere Bestäuber-lnsekten im Freiland verboten hat und sich dabei auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt.

Für die ablehnende Haltung des Regierungsrats gegenüber dem damaligen Postulat gebe es also keine Grundlage mehr. Ein sofortiger Verzicht auf Bienenschädigende Pestizide sei in der Bewirtschaftung von kantonseigenem Kulturland umgehend umzusetzen. Judith Bellaïche wurde 2019 in den Nationalrat gewählt und ist aus dem Kantonsrat ausgeschieden. Das Postulat wird demnächst im Zürcher Parlament behandelt. Mit den neuen Mehrheitsverhältnissen dürfte der Vorstoss im zweiten Anlauf durchkommen. Ja wird diesmal auch die FDP stimmen, wie Ann Barbara Franzen auf Anfrage sagt. (pag

Ann Barbara Franzen, die Erstunterzeichnerin des Postulats zur Förderung der Bienenbestände, ist zufrieden mit der Antwort des Regierungsrats und vor allem mit dem ausführlichen Bienenkonzept. Das Konzept enthalte zahlreiche interessante Ansätze, wie Franzen auf Anfrage sagt. Für vielversprechend hält sie es etwa, Waldränder
so zu bewirtschaften, dass bienenfreundliche Strukturen häufiger vorkommen – oder aber, Standorte für Wildbienen mit geeigneten Nistplätzen zu fördern.

Positiv wertet Franzen auch die Stelle des Bienenbeauftragten oder der Bienenbeauftragten. «Von einer Funktion, die zwischen den Beteiligten koordiniert und bestehende Projekte vernetzt, erwarte ich mir einen grossen Nutzen.» Man werde das aber beobachten und die Wirksamkeit der Beauftragten nach drei Jahren evaluieren.