Gut 1,6 Kilogramm Kokain werden in Zürich täglich konsumiert. Das haben Forscher des ETH-Wasserforschungsinstituts Eawag anhand von Abwasseranalysen ermittelt. Der Marktwert dieser Stoffmenge beläuft sich auf gegen 200 000 Franken – pro Tag, wie gesagt. Damit ist Zürich im europaweiten Vergleich eine Kokainhochburg. Nur in Antwerpen (Belgien) und Amsterdam (Niederlande) liess sich mehr von dem aufputschenden Suchtmittel im Abwasser nachweisen.

Basel auf Rang 9

Untersucht wurden im Rahmen einer internationalen Studie während einer Woche entnommene Wasserproben aus 42 europäischen Städten. Basel und Genf liegen bezüglich Kokainmenge auf den Plätzen 9 und 10, St. Gallen auf dem 12. und Bern auf dem 15. Rang, wie die Eawag gestern mitteilte.

Im Vergleich zum Vorjahr, als die Eawag sich erstmals an der Studie beteiligte, nahmen die Kokain- und Ecstasy-Spuren im Abwasser zu, heisst es weiter in der Mitteilung. Und: Während der Anteil der Partydroge Ecstasy im Abwasser vor allem am Wochenende hochschnellt, verteilt sich der Kokain-Anteil relativ gleichmässig über die ganze Woche. Kokain ist Alltagsdroge. Doch wie kommt es, dass der Stoff gerade in Zürich in besonders grossen Mengen im Umlauf ist? Allein an der Grösse der Stadt kann es nicht liegen. Auch pro 1000 Einwohner hat Zürich zusammen mit Amsterdam, Antwerpen und London laut der Studie nämlich deutlich mehr Kokainspuren im Abwasser als Barcelona, Basel, Genf oder das holländische Utrecht.

Für Alexander Bücheli von der Stadtzürcher Jugendberatungsstelle Streetwork ist klar: «Kokainkonsum ist Bestandteil unserer Gesellschaft. In Zürich ist die dafür nötige Kaufkraft vorhanden – und der Stoff erhältlich.» 100 bis 150 Franken müssen die Konsumenten für ein Gramm Kokain hinblättern. In Extremfällen liegt die Tagesdosis laut Bücheli bei drei bis vier Gramm.

Doch wer sind die Konsumenten – und wie viele? Verlässliche Angaben dazu gibt es nicht. Es gibt nur Einschätzungen aus verschiedenen Perspektiven. Streetwork etwa bietet in Zürich Drogenprävention sowohl an Partys als auch mit der jeden Dienstag geöffneten Anlaufstelle DIZ an. Nach Büchelis Kenntnisstand sind Kokainkonsumenten in allen Gesellschaftsschichten anzutreffen – von Bankern über Hausfrauen und Rentner bis hin zu Schichtarbeitern.

Dass der vergleichsweise hohe Kokainnachweis im Zürcher Abwasser primär mit dem Bankenplatz zusammenhänge, hält er für ein Klischee. «Man kann bei regelmässigem Kokainkonsum nicht über Jahre hinweg die gleiche Leistung erbringen», gibt Bücheli zu bedenken. Eher dürfte die Tatsache, dass das in Zürich erhältliche Kokain in den letzten Jahren stärker geworden ist, bei den Messresultaten mitspielen.

Die Ausbreitung des Kokainkonsums begann Ende der 90er-Jahre mit einem Preiszerfall: Der Preis pro Gramm sank von 800 Franken auf 100 Franken. Aus der Schickeria-Droge wurde eine Droge, die sich in der Schweiz fast jeder leisten konnte.

«Wir haben Patienten aus allen sozialen Schichten», bestätigt Lars Stark. Er ist ärztlicher Leiter des Arud-Zentrums für Suchtmedizin beim Zürcher Hauptbahnhof. «Wir sehen, dass Kokain vor allem im Ausgang konsumiert wird, zum Teil auch bei der Arbeit. Man ist leistungsorientiert, will aber im Ausgang trotzdem noch guter Laune sein», so der Suchtmediziner. Die meisten Kokainkonsumenten seien zwischen 30 und 50 Jahre alt. «Für eine gewisse Zeit können sie die Kontrolle behalten», stellt Stark fest. Doch dann nehme die Abhängigkeit zu; psychische und soziale Probleme häuften sich. Bei manchen führe die Droge zu Depressionen und Angstzuständen.