Es war ein bisschen Silvester gestern Abend in Zürich. Hunderte waren in der Bahnhofstrasse unterwegs, schauten himmelwärts, auf  Armbanduhren, prosteten sich mit klammen Fingern und Champagner zu, standen Schlange vor Glühweinständen und Gratissuppe und sagten in mobile Telefone, wo sie sich gerade befänden und ob man sich später treffen wolle.

Wir wollten von den Passanten wissen, was sie von der neuen Beleuchtung an der Bahnhofsstrasse halten

Das sagen die Passanten zur Beleuchtung

Einer blickt auf das Vergangene zurück und tut noch einmal kund, wie wenig ihm «die Alte» gefallen hat, jemand nach vorn, «17.54 - noch vier Minuten», ein Dritter ruft «Achtung Tram». Man rückt noch ein bisschen enger zusammen und macht dem Tram Platz, für das später kein Durchkommen mehr sein wird.

fünf Jahre langmit den Röhren

Dann, punkt 18 Uhr erscheint sie. «Lucy», die neue Weihnachtsbeleuchtung. Ein Himmel aus lauter Lichterfäden legt sich über die Bahnhofstrasse, zart glitzernd, die Menge applaudiert und heisst «die Neue» mit vielfachem «Ah» und «Oh» willkommen.

Endlich, nach fünf Jahren, nach viel Gezänk und Geschimpf um und über die alte, zu moderne, zu kalte und darum unweihnächtliche Adventsbeleuchtung, hat die Bahnhofstrasse wieder, was sie will und was ihre Banken, Hotels und Bijouteriegeschäfte brauchen: Weihnächtlichen Zauber statt moderner Kunst, Romantik statt der strengen Kühle, wie sie «Lucys» Vorgängerin, die 275 Neonröhren grosse «The World's Largest Timepiece» fünf Jahre lang in die Bahnhofstrasse gebracht hatte.

Kein grosses «Blinke-Blinke»

Man würde nicht vermuten, dass «Lucy», als sie erst Idee und noch nicht beschaulich und filigran am Himmel hing, umstritten war. Jedoch mussten die drei Macher - der Luzerner Architekt Daniele Marques, der St. Galler Lichtgestalter Charles Keller und der Zürcher Künstler Adrian Schiess - einiges an Überzeugungsarbeit leisten, um sie den 28 Sponsoren schmackhaft zu machen. Dass die 12000 diamantartigen Lichtpunkte farbig sind, wollten einige Geldgeber anfänglich nicht goutieren.

So sieht die Weihnachtsbeleuchtung der Stadt Zürich aus

So sieht die Zürcher Weihnachtsbeleuchtung aus

Ebenso umstritten war das nun umgesetzte Konzept eines bewegten Effektes, der den Himmel auf der gut 1000 Meter langen Strecke mal blauer, mal röter, mal gelber erscheinen lässt.

Tatsächlich ist das Spiel der Lämpchen kein grosses, ein Passant lobt, die «gute Dynamik» und dass Lucy nicht, wie befürchtet ein grosses «Blinke-Blinke» sei. So braucht es einige Zeit und Musse, um «Lucy», so einfach sie auf den ersten Blick scheint, in ihrer ganzen Pracht zu erfassen.

Zeit dazu ist da. Die neue Weihnachtsbeleuchtung wird jeden Tag von 6.30 bis 8 Uhr und abends von 16 Uhr bis Mitternacht angeschaltet sein, am 24. Und 25. Dezember sowie an Neujahr bis 1 Uhr morgens, in der Silvesternacht bis 3 Uhr.

Die Vorletzte gefiel am besten

Eine Rentnerin weiss, wo «Lucy» am schönsten ist und zerrt ihre Begleiterin mitten auf die Bahnhofstrasse. «Schau nur, wie schön!», sagt sie, «viel schöner als die Alte. Aber an die Vorletzte, nein, da kommt sie nicht ran. So schön wie die wird nie mehr eine sein.»