Tourismus

Zürich wandelt sich von der Business- zur Freizeit-Destination

Zürich und Umgebung ist besonders bei Nordamerikanern beliebt.

Zürich und Umgebung ist besonders bei Nordamerikanern beliebt.

Noch nie übernachteten in Zürich und Umgebung so viele Touristen wie 2017. Der Boom hat aber auch seine Schattenseiten.

Von Ausmassen wie in Barcelona, Venedig und Dubrovnik ist Zürich weit entfernt. Doch die Verantwortlichen von Zürich Tourismus machen sich Gedanken, wie sie ausufernden Tourismus verhindern können. Natürlich will die Vermarktungsorganisation möglichst viele Besucher anlocken. Zürich-Tourismus-Präsident Guglielmo Brentel sagte aber gestern bei der Bekanntgabe der Übernachtungszahlen 2017: «Wir müssen darauf achten, dass wir nicht übers Ziel hinausschiessen.» Der Tourismus müsse verträglich bleiben – für die Bewohner genauso wie für die Besucher. «Der Inder kommt ja nicht nach Zürich, um Inder zu sehen», sagte Brentel.

Eine Strategie, um Auswüchse zu verhindern, ist die Lenkung der Besucherströme. Zürich Tourismus vermarktet deshalb bewusst die ganze Region. Mit Videos und Bildern auf allen sozialen Kanälen wird potenziellen Gästen gezeigt, wie schnell sie von Zürich aus in der Natur sind: am Zürichsee, am Rheinfall, auf der Rigi, dem Titlis oder Pilatus. Zürich als Hub, der sich für Tagesausflüge ans Wasser oder in den Schnee eignet, um abends wieder zurückzukehren und das kulturelle Angebot der Stadt zu nutzen.

Zürcher sensibilisieren

Lenken könne man die Ströme aber auch mit Angeboten in der Stadt, sagte Zürich-Tourismus-Sprecher Ueli Heer. Etwas indem man eine Food-Tour nicht im Niederdorf, sondern in Zürich-West anbiete. Das Beispiel ist nicht zufällig gewählt. Zürich will sich als Gastronomie-Destination positionieren und hat 2017 mit dem Food-Festival einen Schwerpunkt gesetzt.

Heer sieht solche Anlässe auch als Möglichkeit, die Bevölkerung für das Thema Tourismus zu sensibilisieren. Als Dankeschön für die Gastfreundschaft der Zürcher sei auch die Aktion «Erlebe dein Zürich» von Anfang Jahr zu verstehen. Zürcherinnen und Zürcher konnten für 150 Franken in einem 5-Sterne-Hotel übernachten. In einem Hotel mit vier Sternen kostete die Übernachtung 90 Franken und in einem mit drei Sternen noch 50 Franken. «Die 500 verfügbaren Zimmer waren in kurzer Zeit ausgebucht», sagte Heer.

Deutsche geben 1. Rang ab

Die Hotels waren im vergangenen Jahr gut belegt. In der Subregion Zürich – dazu gehören Stadt, Flughafengemeinden und Limmattal – wurden letztes Jahr 4,67 Millionen Übernachtungen gezählt; 6,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Das ist ein Rekord. Davon gingen 212'000 Übernachtungen auf das Konto der indischen Gäste. Ihr Anteil stieg um 30 Prozent. Auch Chinesen (210'000, plus 6,6 Prozent) kamen wieder häufiger. Am beliebtesten war Zürich allerdings bei den Nordamerikanern (570'000 Besucher). Sie lösten erstmals die Deutschen (502'000) als grösste ausländische Gästegruppe ab. Sowieso ist die Bilanz der europäischen Touristen durchwachsen. Die Zahl der Franzosen und Briten ging zurück. Am häufigsten werden Hotelübernachtungen in Zürich aber immer noch von Schweizern gebucht, über eine Million einheimische Gäste waren es 2017.

Die Zahlen 2017 zeigen, dass der Anteil der Besucher aus dem Freitzeit-Bereich stark zugenommen hat. «Zürich befindet sich im Wandel von einer reinen Business- zur Freizeitdestination», sagte Brentel. Das Hotel Storchen im Herzen der Stadt war zum Beispiel bis vor wenigen Jahren noch zu drei Vierteln von Geschäftsleuten belegt. Letztes Jahr gaben 55 Prozent der Gäste Freizeit als Aufenthaltsgrund an. Über die ganze Tourismusregion Zürich, die sich von Baden und Winterthur über die Stadt Zürich und die Flughafenregion bis nach Rapperswil und Zug erstreckt, halten sich Business- und Freizeitgäste in etwa die Waage.

Diesem Wandel ist Zürich Tourismus nicht abgeneigt. Die Stadt müsse sich jedoch darauf einstellen. Brentel fordert beispielsweise, dass zumindest in der Innenstadt mehr Läden auch sonntags geöffnet werden. «In St. Moritz oder Interlaken ist das längst der Fall. Unsere Gäste verstehen nicht, dass sie in Zürich sonntags vor verschlossenen Türen stehen.»

Meistgesehen

Artboard 1