Wenn sich eine gemischte Gruppe aus Zürcherinnen und Zürchern an einem verregneten Samstag quer durch die eigene Stadt kutschieren lässt, hat sie ein besonderes Vorhaben. Tatsächlich steuerte die Reisegesellschaft - wie kürzlich geschehen - ausgesuchte Ziele an. In der Kaserne belauschte sie einen lautstarken Bruderzwist. Im Seewasserwerk Moos bekam sie die Vorzüge des modernen Lebensstils von Wollishofen erläutert. Im Zehntenhof Affoltern feierte sie eine ausgelassene Party mit Fabrikantensöhnen und Salon-Sozialisten.

Die Gruppe reiste unter dem Motto "Alles in Allem" auf den Spuren eines der aussergewöhnlichsten Zürich-Romane. Die Theatermacher Peter Brunner und Wolfgang Beuschel haben das Monumentalwerk von Kurt Guggenheim (1896-1983) als Theaterreise inszeniert und feierten damit am Samstag Premiere. Es ist ein Projekt der Superlative, das den gut tausendseitigen Roman an acht Schauplätzen in und um Zürich in Szene setzt.

Stadtgeräusche im Hintergrund

Die Reise startet vormittags im Park der Villa Patumbah. Im dortigen Muschelbrunnen lesen Schauspielerinnen und Schauspieler die ersten Seiten von "Alles im Allem" und verwandeln sich zu den morgendlichen Stadtgeräuschen in einzelne Romanfiguren. Im Gaswerk Schlieren, das bis heute nach Koks riecht, nimmt die Liebesgeschichte von Karl und Kätterli - einer der Hauptstränge des Romans - ihren Anfang.

Im ansonsten verriegelten Waffensaal der Kaserne klingt Zürichs militärische Vergangenheit an. Die Reisegruppe erlebt zudem Generalstreik, Spanische Grippe und tauchte ein ins jüdische Zürich Kurt Guggenheims. Für diese stimmigen und in ihrer Einfachheit raffinierten Inszenierungen zwischen Lesung, Schauspiel und Gesang zeichnen Szenograf Markus Schmid und die Regisseure Katja Langenbach, Buschi Luginbühl, Daniel Wahl und Klaus Henner Russius verantwortlich. Mit 19 Akteuren schaffen sie es, das alte Zürich von 1900 bis 1945 bildhaft und mit allen Sinnen erlebbar zu machen. Heimlicher Star der Reise ist Martin Schumacher, der alle Schauplätze musikalisch koloriert.

Poetisches Wimmelbild

So vielfältig wie Figuren und Orte sind auch die Themen von "Alles in Allem". Denn Guggenheim hat mit seiner 1952-1955 erschienenen Tetralogie seine Heimatstadt als Modell des urbanen Biotops porträtiert. Seiner Gesinnung gemäss, betonte er die Entwicklung Zürichs auf dem Weg zum modernen, multikulturellen Gemeinwesen. Mittels 140 Figuren schuf er ein poetisches Wimmelbild und scheute sich nicht vor utopischen Visionen einer idealen Stadt.

Auf diese Visionen nimmt auch Hannes Binder Bezug, der für die neue, 2018 erschienene Buchausgabe fantastische Illustrationen schuf. Diese Edition gehört zum Theaterprojekt, und so sind Binders Schraffur-Bilder als eigene Reisestation in überraschend animierter Form erlebbar.

Peter Brunner, der bis 2018 das Zürcher "sogar Theater" leitete, erkannte die brennende Aktualität von Kurt Guggenheims "opus magnum" und nahm die szenische Umsetzung vor drei Jahren an die Hand. Das Premierenpublikum zeigte sich von der Realisierung begeistert. Dies nicht zuletzt wegen der aufwendigen, aber perfekten Organisation der zwölfstündigen Reise. Mehrere Verschnauf- und Verköstigungspausen machen den Theatermarathon zum perfekt abgerundeten Kulturtag. Vorderhand sind sämtliche Vorstellungen ausverkauft.