Das Gebiet rund ums Seebecken gehört zu den Postkartenansichten Zürichs. Entsprechend prunkvoll sind die Bauten, die hier stehen. Die meisten von ihnen wurden vor gut 100 Jahren gebaut. Kurz zuvor hatte die Stadt unter Federführung von Arnold Bürkli die Quaianlagen neu gestaltet – ein gestalterischer Wurf, der bis heute Bestand hat. Der Hauptsitz der Swiss Re (ehemals Rentenanstalt) zählt zu den alten Prunkbauten, ebenso jener der Zurich-Versicherung, weiter das 1939 erbaute Kongresshaus, das rote und das weisse Schloss – um nur einige Beispiele links der Seemündung zu nennen.

Gut hundert Jahre später ist die Zeit nun offenbar wieder reif, um das Gesicht Zürichs am Seebecken spürbar zu verändern. Paradebeispiel dafür ist der neue Sechseläutenplatz, der diesen Frühling eingeweiht wurde. Auch das Kongresshaus soll schon bald neu gestaltet werden; voraussichtlich im Herbst wird das Stadtparlament darüber entscheiden. Bauarbeiten für einen neuen Swiss-Re-Sitz sind bereits im Gang. Und unlängst schlugen die jungen Zürcher Architekten Nicolaj Bechtel und Stefan Wülser den Bau eines Stadtstrands anstelle der Quaianlagen rechts der Seemündung vor. Gemeint war dies als konkrete Utopie.

Gar nicht utopisch ist hingegen das Vorhaben der Zurich Insurance Group AG: Die weltweit tätige Versicherungsgesellschaft plant einen neuen Hauptsitz am Zürcher Seebecken. Der Neubau soll sich an die als schützenswert inventarisierten Altbauten des Zurich-Hauptsitzes angliedern. Vorgesehen ist ein Bürogebäude nach den Plänen des Architekten Adolf Krischanitz. Zur Alfred-Escher-Strasse hin hätte es eine Natur- oder Kunststeinfassade; in Richtung See würde eine Glasfassade zwischen den Altbauten durchblitzen – und über diese hinaus.

Höher als bisher erlaubt

Der Neubau sprengt nämlich den Rahmen des bisher Dagewesenen: Mit 30 Metern ragt er doppelt so weit in die Höhe, als es die geltenden Vorschriften erlauben. Allerdings sind auch die schon bestehenden Gebäude bereits höher als die in der Kernzone am Mythenquai bislang zulässigen 15 Meter.

Auch die mit dem Neubau geplante Ausnützung der Grundfläche überschreitet die Normen der Stadt Zürich an diesem repräsentativen Ort. Verdichtung ist angesagt, das seebeckennahe Siedlungsgebiet bildet da keine Ausnahme. Mit dem Projekt, das unter dem Namen «Quai Zurich» läuft, stiege das Gebäudevolumen des Zurich-Hauptsitzes von 123'395 auf 155'850 Quadratmeter.

Um das Vorhaben trotz seiner die Normen sprengenden Dimension umsetzen zu können, hat die Zurich-Versicherung einen privaten Gestaltungsplan erarbeitet. Seit gestern und noch bis zum 9. September liegt er öffentlich auf. Falls keine Einsprachen dazwischenkommen und das Stadtparlament sowie – im Falle eines Referendums – auch die Stimmberechtigten zustimmen, könnte der Gestaltungsplan 2016 in Kraft treten.

Wie lang es bis zu seiner Umsetzung dauert, ist noch schwerer zu ermessen als der Zeitpunkt seiner Genehmigung. Denn im seeufernahen Untergrund werden Überbleibsel aus der Pfahlbauerzeit vermutet. Archäologische Funde sorgten bereits beim Bau des neuen Sechseläutenplatzes für erhebliche Verzögerungen.

Trotz aller Hindernisse: Die Zurich verspricht sich von dem Neubau die Chance, ihrer Ausrichtung als global tätige Versicherung Rechnung zu tragen, wie sie im Anhang zum Gestaltungsplan schreibt. Mit anderen Worten: Die Globalisierung erreicht das Seebecken. Ausserdem solle der Neubau mit flexiblen Nutzungsmöglichkeiten und hohen ökologischen Standards auf dem neusten Stand sein.

Sein Architekt Krischanitz war bereits für den Neubau des Museums Rietberg in Zürich verantwortlich. Gegenwärtig entsteht nach seinen Plänen der Superblock in Winterthur, in den die gesamte Stadtverwaltung einziehen wird.

Wettbewerbe statt Leitbild

Obwohl mit dem neuen Zurich-Hauptsitz, dem Swiss-Re-Sitz, dem Kongresshaus-Umbau und dem Sechseläutenplatz markante Eingriffe am Seebecken in Planung respektive seit kurzem realisiert sind: Ein übergeordnetes Konzept hat die Stadt Zürich für die bauliche Entwicklung dieses Gebiets nicht. Statt auf ein Leitbild setzt sie auf Wettbewerbe, in deren Jurys Fachleute aus der Verwaltung und externe Experten sitzen, wie Urs Spinner vom städtischen Hochbaudepartement erklärt. So sei auch im Falle des geplanten Zurich-Neubaus die Typologie der Gebäude in der Umgebung berücksichtigt.