Zürich
«Das Prinzip Hoffnung ist untauglich»: Kantonsrat möchte Lehrpersonen ohne Diplom ein Jahr länger anstellen

Mit seinem Ja zu einem Postulat will der Zürcher Kantonsrat eine Massnahme der Bildungsdirektion verlängern, die eigentlich als kurzfristige Notlösung gedacht war. Nicht möglich, sagt Bildungsdirektorin Silvia Steiner.

Sven Hoti
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Rund 500 der insgesamt 18'000 Lehrpersonen an den Zürcher Volksschulen arbeiten derzeit ohne Diplom.

Rund 500 der insgesamt 18'000 Lehrpersonen an den Zürcher Volksschulen arbeiten derzeit ohne Diplom.

Ennio Leanza / Keystone

Seit den Sommerferien können im Kanton Zürich auch Lehrpersonen Schulunterricht geben, die nicht über ein entsprechendes Lehrdiplom verfügen. Die Bildungsdirektion von Silvia Steiner (Mitte) hatte diese Massnahme als Notlösung gegen den gravierenden Lehrpersonenmangel beschlossen. Rund 500 der insgesamt gut 18'000 Lehrpersonen an den Zürcher Volksschulen unterrichten aktuell ohne Qualifikation.

Diese Anstellungen sind auf ein Jahr beschränkt. Der Kantonsrat möchte diese Frist jedoch auf das Schuljahr 2023/2024 ausweiten, wie er am Montag mit 116 zu 49 Stimmen beschloss. Damit geht das Postulat von Raffaela Fehr (FDP, Volketswil) und Paul von Euw (SVP, Bauma) an den Regierungsrat. Dieser muss nun innert eines Jahres einen Bericht ausarbeiten. Der Regierungsrat hatte sich im Vorfeld gegen den Vorstoss ausgesprochen.

Kritik: Es würde eine «absurde» Situation entstehen

Die aktuelle Mangelsituation habe viele Schulen dazu gezwungen, auch Lehrpersonen ohne Zulassung anzustellen. Diese Situation werde sich kaum innert weniger Monate wieder entspannen, argumentierten die Postulierenden Raffaela Fehr und Paul von Euw. Werde die Anstellungsfrist nicht verlängert, stünden die Schulen für das Schuljahr 2023/2024 vor der «absurden» Situation, Lehrpersonen ohne Zulassung durch neue Lehrpersonen ohne Zulassung zu ersetzen.

Kantonsrätin Raffaela Fehr (FDP, Volketswil).

Kantonsrätin Raffaela Fehr (FDP, Volketswil).

zvg

Alle Beteiligten wünschten sich Planungssicherheit, sagte Fehr. Sie und von Euw kritisierten das bisherige Vorgehen der Bildungsdirektion, das zu sehr auf dem Prinzip Hoffnung beruhe. «Das Prinzip Hoffnung ist untauglich», sagte Fehr. Jetzt habe man Zeit, sich für das nächste Schuljahr vorzubereiten. Fehr:

«Die Volksschule verdient es, dass die Bildungsdirektion ihre Führungsaufgabe wahrnimmt.»

Natürlich erwarte man von der Bildungsdirektion darüber hinaus auch langfristige Lösungen für das Problem. Auch die AL und die Grünen unterstützten das Anliegen.

«Reine Pflästerli-Politik»

Die SP bezeichnete den Vorstoss als «reine Pflästerli-Politik». Eine Weiterbeschäftigung der besagten Lehrpersonen dürfe und könne nicht die Lösung sein, sagte Rafael Mörgeli (SP, Stäfa) und ergänzte:

«Wir müssen die Probleme anpacken und nicht das Provisorium zum Providurium machen.»

Man müsse zuerst herausfinden, wie man die unausgebildeten Lehrpersonen zu einer pädagogischen Ausbildung heranführen könne.

Kantonsrat Rafael Mörgeli (SP, Stäfa).

Kantonsrat Rafael Mörgeli (SP, Stäfa).

zvg

Zudem gelte es generell, den Berufsauftrag für Lehrpersonen zu ändern, den Angestellten mehr Ressourcen zur Verfügung zu stellen und ihre administrativen Aufgaben abzubauen. Mörgeli: «Erst dann können wir sagen, in diesem Gesamtkonzept macht es Sinn, die unausgebildeten Lehrpersonen weiter anzustellen.» Man müsse den Weg frei machen für eine Lösung, welche dem Problem gerecht werde. Auch die EVP lehnte den Vorstoss ab und sprach sich stattdessen für mehr Flexibilität beim Studium aus.

Das «falsche Instrument»

«Das Postulat ist für dieses Vorhaben das falsche Instrument», sagte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte), die erst spät zur Debatte hinzustiess. Sie verwies darauf, dass das Lehrpersonalgesetz den Gemeinden eine auf ein Jahr beschränkte Anstellung nicht qualifizierter Lehrpersonen ermöglicht. Dies jedoch nur unter der Bedingung, dass diese Lehrpersonen danach eine entsprechende Weiterbildung machen. Auf Verordnungsstufe sei das Gesetz nicht änderbar, so Steiner.

Regierungsrätin und Vorsteherin der Bildungsdirektion Silvia Steiner (Mitte).

Regierungsrätin und Vorsteherin der Bildungsdirektion Silvia Steiner (Mitte).

Severin Bigler

Der Bildungsdirektorin schwebt für die Lehrpersonen ohne entsprechende Ausbildung ein Teilzeitmodell vor, bei dem sie neben ihrem Beruf an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZ) studieren.

«Die Lehrpersonen ohne Diplom sollen dem Schuldienst erhalten bleiben»,

betonte sie. Dazu arbeite die Bildungsdirektion mit der PHZ an passenden Lösungen. «Es wird klare Zulassungsbedingungen geben für Menschen ohne Diplom.» Weitere Details will Steiner Mitte November kommunizieren.