Zürich/Schlieren
Der Kantonsrat möchte die Kantonsapotheke dem Unispital verkaufen – nun kommt überraschend eine andere Idee ins Spiel

Ein Konsortium aus Pharmazieunternehmen fordert den Kantonsrat eindringlich auf, seine Verkaufspläne zu überdenken. Die Chancen dafür könnten besser sein.

Sven Hoti
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Eine wichtige Aufgabe der Kantonsapotheke ist die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneien und Medizinprodukten in Notsituationen. Eine Mitarbeiterin bereitet Dosen des Covid-19-Impfstoffs zur Auslieferung vor.

Eine wichtige Aufgabe der Kantonsapotheke ist die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneien und Medizinprodukten in Notsituationen. Eine Mitarbeiterin bereitet Dosen des Covid-19-Impfstoffs zur Auslieferung vor.

Severin Bigler

Eigentlich schien nach der gestrigen Kantonsratssitzung fast alles unter Dach und Fach. Der Kanton möchte seine Kantonsapotheke (KAZ), die Teil der Gesundheitsdirektion ist, an das Universitätsspital (USZ) verkaufen. Darüber waren sich am Montag bei der Beratung alle Parteien von Links bis Rechts im Grundsatz einig. Nun springt überraschend eine Gruppe bestehend aus rund 30 Interessenten, darunter Privatpersonen und Pharmaziefirmen, aus der Deckung – und präsentiert einen Gegenvorschlag.

Das Konsortium KAZ schlägt den Weg über die Privatisierung vor: Anstatt dass die Kantonsapotheke in Schlieren wie geplant als Aktiengesellschaft an das Unispital übergeht – welches zu 100 Prozent dem Kanton gehört – bietet sich das Konsortium als alleinige Eigentümerin an. Das hat die Gruppe am Dienstag an einer Medienkonferenz im Impact Hub Kraftwerk in Zürich bekanntgegeben.

Als Köpfe des Konsortiums präsentierten sich Lorenz Schmid, Präsident des kantonalen Apothekerverbandes und ehemaliger Mitte-Kantonsrat, Rolf Walther, ehemaliger FDP-Kantonsrat und ZKB-Bankrat sowie Besitzer eines Beratungsunternehmens und Johannes Fröhlich, Inhaber der Klus-Apotheke.

Konsortium ist bereit mehr zu zahlen als das USZ

Man sei bereit, den vollen Preis für das KAZ zu bezahlen und wahrscheinlich sogar mehr, als das USZ entrichten würde, sagte Walther. Er versicherte:

«Wir haben einen grossen Betrag zur Verfügung.»

Zu welchem Preis der Kanton seine Kantonsapotheke veräussert, ist noch unklar. Der Preis wird erst festgelegt, wenn die Rahmenbedingungen für die KAZ definiert sind. Er dürfte in zweistelliger Millionenhöhe liegen.

Am 18. September 2018 eröffnete die Kantonsapotheke Zürich am neuen Standort in Schlieren.

Am 18. September 2018 eröffnete die Kantonsapotheke Zürich am neuen Standort in Schlieren.

Sandra Ardizzone

Die Kantonsapotheke werde mit dem ausgearbeiteten Gesetz des Kantons «ein vom Staat finanzierter Mitbewerber in der Pharmabranche» und greife als solcher in den freien Markt ein, sagte Schmid. Zudem sei die Kantonsapotheke gemäss dem Gesetzesvorschlag mit weitreichenden Monopolrechten ausgestattet. «Das Gesetz zementiert eine Verletzung der wirtschaftlichen Freiheiten», so Schmid.

Versorgung auch in Notsituationen gewährleistet

Die im Kantonsrat hängige Vorlage sieht die Kernaufgabe der «neuen» Kantonsapotheke in der Herstellung, Beschaffung, dem Vertrieb und der Abgabe von Arzneimitteln sowie pharmazeutischen Beratung für Spitäler und Dritte. Bei ausserordentlichen Ereignissen wie etwa einer Pandemie soll sie die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln und Medizinprodukten sicherstellen.

Den letzten Punkt sieht Schmid bei einer Privatisierung der Kantonsapotheke nicht gefährdet, wie er auf Nachfrage bekräftigte. In den Kantonen ohne Kantonsapotheke habe die Versorgung auch funktioniert. Schmid:

«Es ist ein Unding zu glauben, dass die Kantonsapotheke in der Pandemie eine bessere Vorbereitung hatte als die Privatbetriebe.»

Abgesehen davon könnten auch Private vom Staat einen Leistungsauftrag erhalten, so Schmid weiter.

Kantonsratsmitglieder erhielten einen Brief

Dass das Angebot einen Tag nach der besagten Kantonsratssitzung kam, mutet etwas eigenwillig an. Zwar hat der Kantonsrat am Montag noch keinen Beschluss gefasst, doch die Meinungen dürften gemacht sein. Und diese sprechen klar gegen eine Privatisierungslösung wie im vorliegenden Fall.

Man habe zuerst Abklärungen treffen und die Mehrheitsverhältnisse im Rat abwarten wollen, erklärt Schmid das Timing ihres Angebots.

«Wettbewerbsmässig wird es schwierig»,

gestand dann auch Walther. Es sei jedoch wichtig, dass der Kantonsrat von den Problemen erfahre, die mit dem Verkauf an das USZ einhergingen. «Wir hoffen, dass die heutige Medienkonferenz etwas bewirken kann.»

Kantonsratspräsidentin Esther Guyer (Grüne) wollte sich nicht im Detail zum Alternativvorschlag äussern.

Kantonsratspräsidentin Esther Guyer (Grüne) wollte sich nicht im Detail zum Alternativvorschlag äussern.

zvg/André Springer

Noch ist der Zug nicht abgefahren: Im Kantonsrat steht Ende Oktober die zweite Lesung an. Das Konsortium hat bereits ein Angebotsschreiben an alle Kantonsratsmitglieder verschickt. Darin geht es nochmals auf die Ausgangslage und ihre Offerte ein. «Wir sind überzeugt, dass die genannten Leistungen besser von Privaten erbracht werden können und der Staat damit nicht direkt in Konkurrenz mit der Privatwirtschaft treten würde», heisst es unter anderem im Schreiben.

Die bei der Medienkonferenz kurz anwesende Kantonsratspräsidentin Esther Guyer (Grüne) wollte sich nicht im Detail zur Offerte des Konsortiums äussern. Die Pharma-Assistentin sagte nur: «Wir werden auf jeden Fall nochmals darüber nachdenken müssen.»