20 000 Hölzer, 20 000 Tierknochen, vier Tonnen Steingeräte, die zweitälteste Tür der Welt: Der Schatz, der 2010/2011 beim Bau des Parkhauses Opéra unter dem Sechseläutenplatz gehoben wurde, ist riesig. Doch als Projektleiter Niels Bleicher gestern die Auswertung der Notgrabung präsentierte und gefragt wurde, welchen er am spektakulärsten finde, hob er keinen einzelnen hervor. Der Kontext mache den archäologischen Schatz so wertvoll, sagte der Fachmann vom Amt für Städtebau. «Wir haben nun nicht nur einzelne Buchstaben, sondern den ganzen Text.»

Material aus fast 30 Häusern und acht Pfahlbausiedlungen konnten die Archäologen in den letzten fünf Jahren sicherstellen und auswerten, ja sogar den einzelnen Häusern zuordnen und diese charakterisieren. «Nicht alle Bewohner verrichteten dasselbe Handwerk und nutzten dieselben Werkstoffe. Auch die Bedeutung bestimmter Nahrungsmittel variierte», sagte Bleicher. «Mit dieser Charakterisierung können wir Sozialgeschichte schreiben. So etwas ist ganz selten möglich.»

Beim heutigen Sechseläutenplatz befanden sich vor rund 5000 Jahren Pfahlbaudörfer. Der Film zeigt eine kurze Reise in die Vergangenheit.

Beim heutigen Sechseläutenplatz befanden sich vor rund 5000 Jahren Pfahlbaudörfer. Der Film zeigt eine kurze Reise in die Vergangenheit.

Wie die 40 beteiligten Wissenschaftler vorgingen, um das damalige Leben nachzuzeichnen, beschrieb Bleicher so: «Das ist, wie wenn man die Kübel im Kreis 4 und im Zürichberg auswerten und miteinander vergleichen würde. Aus Abfällen lernt man enorm viel.»

Dichtestress vor 5000 Jahren

Wie die Menschen exakt dort, wo heute der Sechseläutenplatz steht, vor 5000 Jahren lebten, können Interessierte in der permanenten Ausstellung im Untergeschoss des Parkhauses Opéra anschauen. Oder aber sie nutzen bis zum 26. März die Möglichkeit, sich durch das Pfahlbaudorf führen zu lassen.

Am Infostand beim seeseitigen Parkhaus-Eingang kann man sich eine Brille aufsetzen lassen – und schon befindet man sich mitten unter Pfahlbauern, 3000 Jahre vor Christus. Auf der virtuellen Tour gleitet man über Stege, an Bewohnern und Ziegen vorbei, durch Pfahlbauten hindurch und zurück ans Ufer, wo einem vor Augen geführt wird, mit welchen Mitteln die Bauern ihre Landschaft nutzten – und teilweise übernutzten.

Einen weiteren eindrücklichen Einblick bietet eine Augmented-Reality-Brille, mit der man über den Sechseläutenplatz spazieren kann, respektive über die Stege des Pfahlbaudorfes. Der Hochbauvorsteher der Stadt Zürich, André Odermatt (SP), nahm die Gelegenheit wahr und erkannte auf seiner Tour einige Parallelen zur heutigen Stadt.

Zürich sei schon zu jener Zeit begehrt gewesen. «Den Dichtestress gab es womöglich schon damals», sagte Odermatt im Scherz und sprach gar von einer frühen Seefeldisierung. «Dass sich das Dorf mit einem Zaun in Quartiere gliederte, lässt vermuten, dass sich Bewohner im gesellschaftlichen Status unterschieden und einige ihre Häuser aufwerteten.»

«Europaweit einmalig»

Den kantonalen Baudirektor Markus Kägi (SVP) beeindruckte wiederum die Dichte der Fundstellen. «Das ist europaweit einmalig», sagte er. «Und die Pfahlbauten sind keine Grabstätten von Königen, Kaisern und Pharaonen. Sie haben einen subtileren Wert. Sie widerspiegeln nicht das Spezielle, sondern die Normalität von 99 Prozent der damaligen Menschen. Gerade deswegen sind sie uns so nahe.»

Begeistert war Kägi nicht nur von den Funden. Erfreulich sei auch, dass die Auswertung der Grabungen vorzeitig fertig wurde und statt der budgetierten 5,8 Millionen Franken nur 5 Millionen gekostet habe.

Die Erkenntnisse sind nun in drei wissenschaftlichen Publikationen zusammengefasst. Damit ist die Erforschung der Pfahlbausiedlung aber längst nicht abgeschlossen. Jetzt, wo die Grabungsergebnisse vorliegen, sind die universitären Forscher an der Reihe. Die Funde bleiben im Besitz des Kantons Zürich. Eingelagert sind sie bei der Kantonsarchäologie Zürich.

Der virtueller Rundgang durch das Pfahlbaudorf

Der virtueller Rundgang durch das Pfahlbaudorf - hier leider nur in 2D statt der 360-Grad-Version.