Zürich
Afrobeats-Sängerin Nicky B Fly sagt: «Heute denke ich, dass es keine Fluchwörter braucht, um eine Botschaft in Worte zu fassen»

Die 32-jährige Zürcherin Nicky B Fly, die in ihren Songs Englisch mit Lingala und Schweizerdeutsch mischt, hat am Cokestudio Soundcheck 50'000 Franken gewonnen. Mit den Texten zu ihren Afro-Beats möchte sie anderen Mut machen, stolz auf sich zu sein.

Lydia Lippuner Jetzt kommentieren
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Heute trägt sie ihre Locken mit Stolz: Sängerin Nicky B Fly im Lieblingscoiffeurladen in Oerlikon.

Heute trägt sie ihre Locken mit Stolz: Sängerin Nicky B Fly im Lieblingscoiffeurladen in Oerlikon.

Lydia Lippuner

Nicky B Fly sitzt im Curlish-Hairstudio in Zürich Oerlikon. Über die schwarze Lehne des Stuhls fallen ihre hellbraun gefärbten lockigen Haare. «Für den Wettbewerb wurden mir hier Zöpfe mit Perlen geflochten», sagt die 32-jährige Zürcherin, die vor wenigen Tagen den Musikwettbewerb Cokestudio Soundcheck 2022 von Coca-Cola Schweiz gewonnen hat. Dabei setzte sie sich gegen über 160 Bewerber durch. Im Finale trat sie auch gegen die Dietiker Band Longsleeve and the WeirdBoys an, die auf dem dritten Platz landete.

An Nickys Ärmel funkelt ein Schmetterling und hinter ihren Locken blitzt ein Ohrring in Schmetterlingsform hervor. Das Tier begleite sie seit Jahren, doch die Erinnerung daran war nicht immer unbeschwert. «Als Kind wurde ich wegen meiner Schneidezähne, die so aussehen wie Schmetterlinge, gehänselt. Aufgrund dieses Erlebnisses machte ich B-Fly zu meinem Namen», sagt Nicky, die mit bürgerlichem Namen Nikita Bolombo heisst und in Zürich Schwamendingen wohnt.

Fly stehe neben der Anlehnung an das Wort Schmetterling (Butterfly auf Englisch) auch für Coolness sowie die Abkürzung FLY, die wiederum für first love yourself stehe. Der Name sei, wie so vieles in ihrem Leben, eine Mischung. Als Kind einer Schweizer Mutter und eines kongolesischen Vaters lernte Nicky schon früh verschiedene Kulturen, Lebensentwürfe und Ausdrucksweisen kennen. Sie habe lange probiert, sich anzupassen und dazuzugehören. Mit der Zeit habe sie aber gemerkt, dass sie viele verschiedene Seiten habe, die alle zu ihr gehören. «Die Mischung ist das Spannende und Schöne», sagt sie.

Das Curlish-Haarstudio ist auf lockige Haare spezialisiert und hat die Sängerin Nicky B Fly schon oft frisiert.

Das Curlish-Haarstudio ist auf lockige Haare spezialisiert und hat die Sängerin Nicky B Fly schon oft frisiert.

Lydia Lippuner

Von Trap und Soul zum Afrobeat

Auch in ihrer musikalischen Karriere begleitete sie die Wandlung und der Mix. Nachdem sie als Kind nahezu jede Haarbürste als Mikrofon für ihre Gesangskünste verwendet habe, habe sie in späteren Jahren mit ihrer Band verschiedene Trap-, Soul- und R'n'B-Stücke aufgenommen. «Musik hat mir sehr geholfen, mich kennenzulernen und mich auszudrücken», sagt sie. Heute habe sie sich auf Afromusik festgelegt. «Dort fühle ich mich zuhause und wohl», sagt sie. Sprachlich werde sie jedoch weiter eine Mischung aus Schweizerdeutsch, Französisch, Lingala, einer kongolesischen Sprache, und Englisch singen. Mit ihrem zweijährigen Sohn, den sie alleine aufzieht, redet sie Französisch.

Die Geburt ihres Sohnes hat sie auch als Musikerin verändert. Nun sei sie sich ihrer Vorbildrolle noch bewusster und texte vorsichtiger. «Ich weiss, mein Sohn kann meine Texte und Videos später sehen. Heute denke ich, dass es keine Fluchwörter braucht, um eine Botschaft in Worte zu fassen», sagt sie. Dabei sei es ihr wichtig, den Zuhörerinnen und Zuhörern zu sagen, dass sie sich nicht in eine Schublade stecken lassen sollen. Das gilt auch für die Performance-Workshops, die sie für Jugendliche durchführt. «Ich sage ihnen, du musst dich nicht entscheiden zwischen zwei Sachen. Du kannst mischen», sagt die gelernte Pharmaassistentin. Dabei könne man sich auch verändern. Denn so wie man sich eine neue Frisur zulegen könne, sei jeder Mensch als Person wandelbar.

«Akzeptiere dich so wie du bist»

Wenn Nicky spricht, reden auch ihre Hände. Dabei fallen ihre auffällig angemalten Nägel auf. Manchmal streicht sie über ihre Locken. Diese hat sie früher oft gestreckt, da sie sich für ihr krauses Haar geschämt habe. Oft sei sie auch rassistisch beleidigt oder gehänselt worden. Dabei sei es ihr wichtig, dass man nicht verdränge was man erlebt habe, sondern etwas damit mache. «Han alles welle vergässe, aber es isch en Teil vo mir», singt sie in ihrem neusten Lied «Compliqué». «Akzeptiere dich so wie du bist. Sei stolz darauf, wohin dich deine Erlebnisse gebracht haben», sagt sie.

Heute wird Nicky nicht mehr so oft angefeindet wie früher, wenn es aber doch dazu kommt, nimmt sie es anders auf. «Das liegt daran, dass ich mich selbst verändert habe. Heute ist es mir wichtig, nur das zu tun, was ich will», sagt sie. Egal ob das bedeute, dass sie sich schminke oder ungestylt das Haus verlasse.

Sie sagt: «Ich stehe zu meinen verschiedenen Facetten.»

Das hat auch ihren Blick auf ihre Haare verändert. So sieht sie diese nun nicht mehr als eine Mähne, die auch ihre Mutter kaum habe bändigen können, sondern als ein «extrem grosses Schmuckstück».

Auch in der Afrobeats-Szene erlebte Nicky eine Veränderung. «Die Akzeptanz und das Interesse an Afromusik hat stark zugenommen», sagt sie. Vor zehn Jahren hätte sie noch nicht im selben Ausmass wie heute durchstarten können. Heute hat sie nebst ihren 11'000 Followern auf der Plattform Instagram auch eine beachtliche Fangruppe, die sie auch live am Newcomer-Wettbewerb unterstützte.

Den Wettbewerbspreis in der Höhe von 50'000 Franken wolle sie zum grössten Teil für ihre musikalische Karriere und ihre Familie verwenden und sich damit auf kommende Auftritte vorbereiten. Die nächsten Events sind bereits gebucht. So bald wie möglich wolle sie auch neue Lieder schreiben und auf Tournee gehen. «Ich würde gerne durch ganz Europa touren. Dabei ist mir weniger der Erfolg als die Begegnung mit Menschen wichtig», sagt Nicky. Sie will vor allem eines zeigen: «Wenn ich es trotz schwierigen Lebensphasen, vielen Hürden und als alleinerziehende Mutter geschafft habe, dann können auch andere ihre Ziele erreichen.»

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