Soeben hat sie von der Aargauischen Maturitätsschule für Erwachsene (AME) das Abschlusszeugnis erhalten. Grund zum Feiern hat damit nicht nur sie, die Freude darüber dehnt sich auch auf die Schweizer Gehörlosenorganisationen aus. Sie haben Notter gestern an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich Oerlikon einen feierlichen Empfang bereitet.

Hart war der Weg nicht nur für sie selber. Der frühere Bildungsbeauftragte des Dachverbandes der Gehörlosen-Selbsthilfe (SBG-FSS), Andreas Janner, erinnert sich: «Vor mehr als sechs Jahren kam Christa mit dem Wunsch auf uns zu, die Matura nachzuholen.» Damit begann für beide ein Spiessrutenlauf. Zwar hätten sei mit der AME relativ schnell eine passende Schule gefunden – bis Notter und drei ihre drei Mitstudenten jedoch im Februar 2010 mit dem ersten Semester beginnen konnten, waren fast zweieinhalb Jahre vergangen. Die Verfügung der Invalidenversicherung (IV) für die Übernahme der Dolmetscher- und Tutorenkosten war praktisch in letzter Sekunde eingetroffen.

Obschon Notter als Einzige von vier Gehörlosen bis zum Schluss durchgehalten hat, ist die Rektorin der AME, Barbara Keller, vom Pilotversuch begeistert. Ob das Vorhaben in den regulären Schulbetrieb übernommen wird, ist jedoch noch nicht sicher. «Unsere Türen sind offen für alle, die Christa Notters Beispiel folgen wollen», sagte Keller. Doch der Ball sei nun einerseits bei den Gehörlosenorganisationen, die Interessenten finden müssen, und andererseits bei der IV, was die Kosten betrifft.

Die berufsbegleitende Matura sei für Gehörlose übrigens besonders geeignet, sagt Keller: «Ein grosser Teil des Stoffs wird im Selbststudium erlernt, das macht es einfacher.»

Nachteile werden ausgeglichen

Damit Notter dieselben Chancen bei den Maturaprüfungen hatte, war ein sogenannter Nachteilsausgleich nötig. So wurden ihr bei den mündlichen Prüfungen zehn Zusatzminuten eingeräumt, um die Zeit für die Übersetzung auszugleichen. Und die mündliche Englischprüfung verbrachte Notter im Chatroom. Einzig in der schriftlichen Deutschprüfung verzichtete sie auf die ihr zustehenden Mehrminuten: «Ich war fertig», meint sie lapidar.

«Gehörlose mit Matura sind in der Schweiz die ganz grosse Ausnahme», sagt Janner. Zwar gebe es immer wieder Einzelne, die mit grossem Aufwand ein Gymnasium besuchen würden, doch die Belastung sei um ein Vielfaches grösser. Häufiger machten junge Gehörlose deshalb eine Lehre. Mit der Berufsschule für Hörgeschädigte existiert in Zürich dafür das entsprechende Unterrichtsangebot. Auch Christa Notter hatte ihre berufliche Laufbahn mit einer Lehre als Tiefbauzeichnerin begonnen.

Janner und Keller sind sich darüber einig, dass das Schweizer Bildungswesen es Gehörlosen nicht einfach macht. «Zum Beispiel fehlt Französisch im Lehrplan an Sonderschulen», sagt Janner. Wer eine Matura machen will, muss die Sprache erst erlernen.

Für eine Studienrichtung hat sich Notter noch nicht entschieden. Erstmal will sie in die Ferien fahren: «In die Wüste», so die 37-Jährige.