Der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Arbeitgeber steigt auf acht Prozent. Seit gut zehn Jahren verharrte der Wert auf einem Niveau von sechs Prozent. Dies ergibt der Schillingreport 2017, der die Schweizer Führungsgremien analysiert. Aktuell bekleiden Frauen mit einem Anteil von zehn Prozent einen Geschäftsleitungsposten. In Verwaltungsräten sind sie mit 14 Prozent und im mittleren Management mit 21 Prozent vertreten.

Trotz der jüngst positiven Entwicklung sind Frauen in vielen europäischen Ländern in vergleichbaren Kaderpositionen fast doppelt so häufig vertreten wie in der Schweiz.
Weil diese Tatsache Sonja A. Buholzer, Inhaberin von Vestalia Vision, irritiert, hat sie vor einem Monat die weibliche Kadervermittlungsplattform «Diversity Board» lanciert. Die Zürcher Unternehmerin ist Expertin für Management Coaching und hat bereits mehrere Bücher zum Thema publiziert, zuletzt «Woman Power». «Ich verstehe mich nicht als Headhunterin. Mich interessiert, wie viele Frauen einen CEO-Posten wollen und welche Firmen ernsthaft bereit sind, Frauen in die oberste Führungsebene zu befördern», erklärt Buholzer das Ziel ihrer Plattform. Die Vermittlungsarbeit übernehme ihr Kollege und Headhunter Oliver Berger. Dass eine stattliche Zahl von ambitionierten Frauen in die oberste Führungsebene von Firmen wollen, davon zeigt sich Buholzer überzeugt.

In der Mitte feststecken

Seit der Lancierung der Plattform vor vier Wochen haben sich rund 40 Frauen gemeldet. «Praktisch alle sind top ausgebildet und bringen meist sogar internationale Erfahrung mit. Es sind Frauen, die zwischen 30 und 55 Jahre alt sind. Mütter, Singles, Geschiedene – sie bilden die Realität ab», sagt Buholzer. Die Unternehmerin stört, dass gut ausgebildete Frauen in den mittleren Management-Positionen «stecken bleiben». Oft würden die Frauen bei Beförderungsrunden nicht berücksichtigt und von – teils weniger erfahrenen – Kollegen schlicht überholt.

Inhaberin von Vestalia

Sonja A. Buholzer

Inhaberin von Vestalia

Dass viele Schweizer Grossfirmen Frauenförderungsprogramme, Schulungen für Wiedereinsteigerinnen, Karriereberatung und Rekrutierungsanlässe durchführen, um eben diese gut ausgebildeten Frauen für sich zu gewinnen, ringt Sonja A. Buholzer ein müdes Lächeln ab: «Im mittleren Management waren Frauen schon immer vertreten.» Sie selber, eine der ersten Frauen, die bereits in jungen Jahren in der Direktion einer Schweizer Bank tätig war, weiss seit mehr als 20 Jahren, wovon sie spricht.

Bei der Siemens AG am Standort Zürich arbeiten rund 12,5 Prozent der Frauen im mittleren Management. Etwa fünf Prozent mehr weibliche Führungskräfte weist der Technologiekonzern im oberen Management aus. Die Credit Suisse macht keine Angaben zu einzelnen Standorten, dafür nennt eine Sprecherin globale Zahlen: 18 Prozent der Führungskräfte bei der Bank sind weiblich. Mehrheitlich sind diese als Managing Director oder Director tätig. Gängige Bezeichnungen für Führungspositionen im mittleren und oberen Management.

Vorurteile abbauen

Laut Buholzer ist die mittlere Kaderstufe, jene mit dem grössten Leistungs- und Leidensdruck. «Von dort geht es nach oben oder nach unten. Besonders im mittleren Management sind dramatisch steigende Anforderungen an Output und Ergebnisse gefragt, die nicht selten in Burnout münden, während auf Geschäftsleitungsebene das Delegieren von Aufgaben und ein verstärkt strategisches Denken und Handeln auch Freiräume schaffen.»

Damit aber Frauen für eben diese Jobs künftig vermehrt in Frage kommen, müssten sie Visibilität schaffen, die eigene Leistung hervorheben, klar formulieren und deklarieren, wer sie sind und wohin sie wollen. «Eine Beförderung hat viel mit Selbstvermarktung zu tun», ist Buholzer überzeugt. Dass proaktives Verhalten alleine nicht genügt, belegen die Zahlen. In Schweizer Verwaltungsräten sind Frauen erst mit einem Anteil von aktuell 14 Prozent vertreten. Der Frauenanteil ist damit im Europavergleich gerade mal halb so gross.

Demnach zweifelt Buholzer auch an der Argumentation der Firmen, die Frauen im obersten Management haben wollen, aber angeblich keine finden. Viele Unternehmen würden hier noch immer einem veralteten Vorurteil nach hinken, glaubt Buholzer. «Dass Frauen mit Kindern angeblich weniger leistungsfähig sind, hält sich hartnäckig in den Köpfen der Firmen», sagt Buholzer. Deshalb will sie aufklären – mit ihrer neu geschaffenen Plattform. Gerade in internationalen Firmen gebe es deutlich weniger Diskussionen über die Mutterschaftszeit, Teilzeitanstellungen für Mann und Frau oder firmeninterne Kinderkrippen als hierzulande, bekräftigt die international tätige Unternehmerin. «Mein Ziel ist, Firmen dazu zu bringen, bei der nächsten Beförderung eine Frau zu wählen.»

Obwohl laut Schillingreport im vergangenen Jahr ein Fünftel aller offenen Geschäftsleitungsstellen mit Frauen besetzt wurden, gilt es das Ziel, den Frauenanteil im Top-Management weiter zu erhöhen, konsequent zu verfolgen. «Mit jeder neuen Frau in der Geschäftsleitung wird die Realität ein wenig verändert», ist sich Buholzer sicher. In der Schweiz stünden viele gut ausgebildete Frauen in den Startlöchern. «Dieses Potenzial ungenutzt verpuffen zu lassen, wäre ein grosser Verlust für unsere Wirtschaft», sagt Buholzer.

«Firmen sollen moderne Arbeitszeitmodelle leben»

Frau Trachsel, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestaltet sich in der Schweiz nach wie vor schwierig. Warum?
Helena Trachsel: Dafür gibt es vier Gründe. Nach wie vor wirken bei uns veraltete Rollenbilder. Zum Zweiten erhalten Frauen in vergleichbaren Anstellungen weniger Lohn als ihre Partner. Deshalb treten Frauen im Zuge der Familienplanung häufig ins zweite Glied zurück und die Partner gehen weiterhin ihrer Vollzeitbeschäftigung nach. Der dritte Punkt ist eine mangelnde Verhandlung mit dem Partner über die Aufgabenteilung zwischen Familie und Beruf – und zwar bevor man Kinder hat. Und zu guter Letzt mangelt es nach wie vor an der Bereitschaft, Teilzeitstellen für Männer zu schaffen, die keinen Karriereknick provozieren.

Warum ist die Teilzeitarbeit für Männer noch immer ein Tabu?
Nach wie vor gibt es diese verhärteten Muster, dass nur wer 100 Prozent arbeitet, auch 100 Prozent motiviert ist. Diverse Studien belegen das Gegenteil. Teilzeitangestellte sind meist zufriedener und dadurch oftmals motivierter als andere Arbeitskollegen. Wir brauchen hier mehr Flexibilität – und zwar von allen Seiten.

Wie könnte man diese Entwicklung vorwärtstreiben?
Indem man beispielsweise die gemeinsame bezahlte Elternzeit einführt oder moderne Zeitarbeitsmodelle in Betracht ziehen würde.

Welche Rolle oder Verantwortung haben diesbezüglich die Arbeitgeber?
Die Firmen spielen dabei eine ganz wichtige Rolle. Die Diskussionen über die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben veranlassen Arbeitgebende vermehrt, flexible Arbeitszeitmodelle umzusetzen und damit tragen sie erheblich zur Gleichstellung bei. Und in diesem Sinne muss der Dialog über Chancen und Hindernisse der besten Vereinbarkeitsangebote zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden geführt werden: Eltern- und Vaterschaftszeit, aber auch Teilzeitstellen für Männer und Frauen ohne Risiko eines Karriereknickes sollen selbstverständlich werden. Deshalb verleiht die Fachstelle 2017 zum dritten Mal den Prix Balance. Prämiert für ihre Vereinbarkeitsfreundlichkeit wurden Firmen wie beispielsweise AXA Winterthur, der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst, Netcetera, Swiss Re, das Handwerkskollektiv und weitere.

Wie sähe für Sie ein gleichberechtigter Arbeitsmarkt aus?
Das wäre definitiv einer mit mehr Mobile Office und dass die Arbeit im Zug offiziell zur Arbeitszeit gezählt wird. Die Firmen sollten die modernen Arbeitszeitmodelle leben und ihre Mitarbeiterbeurteilung dahingehend anpassen. Die Vorgesetzten sollen ihren Angestellten vertrauen und diese entscheiden lassen wann, wo und wie sie ihre Leistung erbringen. Es sollte in Ordnung sein, dann nach Hause zu gehen, wenn die Arbeit erledigt ist. Mit einer solchen Haltung würde eine gewisse Flexibilität entstehen, die sehr viel Potenzial für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beinhaltet.

Sie hat jahrelange Erfahrung als Gleichstellungs- und Diversity-Fachfrau in der Privatwirtschaft. Helena Trachsel lebt im Kanton Zürich, ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

Helena Trachsel ist seit 2011 Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Zürich.

Sie hat jahrelange Erfahrung als Gleichstellungs- und Diversity-Fachfrau in der Privatwirtschaft. Helena Trachsel lebt im Kanton Zürich, ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.