Herr Färber, welche grossen Fragen bleiben am Schluss eines Tages als Strasseninspektor des Kantons übrig?

Reto Färber: Mich fasziniert das Rollenverhalten im Verkehr, das mich bisweilen ratlos zurücklässt. Denn Sicherheit – für sich selbst wie für den anderen – wird stark durch das eigene Verhalten beeinflusst. An diesem Bewusstsein scheint es aber oft zu mangeln.

Jede Kategorie von Verkehrsteilnehmern hat ihr eigenes Rollenverständnis. Wieso sind sich Automobilist, Velofahrer oder Fussgängerin oft spinnefeind?

Genau das ist der Punkt, der für mich unerklärlich ist. Irgendwann wurde ich auf diese Rollen aufmerksam und begann, bewusst hinzuschauen. Heute meine ich, dass sich im Verkehrsverhalten die gesellschaftlichen Werte und Trends widerspiegeln. Oder anders gesagt: Gesellschaftliche Veränderungen zeigen sich oft zuerst im Verkehr.

Können Sie das verdeutlichen?

Nehmen wir einmal die Parksünder als Beispiel. Früher war eine Parkbusse ein fast beschämender Verstoss gegen die Regeln der Gemeinschaft. Heute gibt es Automobilisten, die schätzen ab, wie hoch eine allfällige Busse sein könnte und ob sie sie in Kauf nehmen wollen. Hier hat gegenüber früher ein völlig verändertes gesellschaftliches Verhalten Einzug gehalten.

Und was lesen Sie daraus ab?

Sich an gemeinschaftliche Regeln zu halten, ist nicht mehr «in». Im Verkehr kann dies dramatische Folgen haben, auch für Unschuldige.

Gibt es weitere Verhaltensmuster im Verkehr, die Ihnen aufgefallen sind?

Machen wir uns das Rollenverständnis bewusst: Ein und derselbe Mensch nimmt völlig verschiedene Rollen ein, je nachdem, ob er gerade als Automobilist, Velofahrer oder Fussgänger unterwegs ist. Der Autofahrer, der parkiert hat, wirft die Autotüre ins Schloss und lässt damit oft alle Erfahrungen, die er am Lenkrad gemacht hat, hinter sich.

Kaum ist er in der Rolle des Fussgängers, läuft er genauso gedankenlos über den Streifen wie die Frau, über die er sich kurz zuvor noch geärgert hat. Und kaum steht sein Bike im Ständer, flucht er über den Velofahrer auf dem Trottoir, wo er doch eben auch noch froh war, einer engen Stelle in der Strasse zu entrinnen.

Weshalb blendet man im Verkehr solches Wissen einfach aus und gefährdet sich damit selbst?

Man wechselt den Hut und gehört dann sofort zu einer anderen Gruppe. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Das stellt uns Verkehrsfachleute vor echte Probleme. Unsere Aufgabe ist es ja, bauliche und technische Lösungen zu bieten, damit die Verkehrsteilnehmenden miteinander kommunizieren können.

Das geht jedoch nur, wenn sie aufmerksam sind. Ein Autofahrer, der gerade ein SMS liest oder schreibt, ist abgelenkt, da nützen alle Sicherheitsmassnahmen nichts.

Weshalb dieser explizite «Hutwechsel»?

Ich habe nicht nur keine Ahnung wieso, sondern beobachte dieses Verhalten auch bei mir immer wieder. Und gehe seither aktiv dagegen an. Was dazukommt: Das Verkehrsaufkommen hat eine kritische Grösse überschritten, kleinste Störungen haben überdurchschnittliche Folgen, da liegen die Nerven oft blank.

Zudem scheint es mir, als ob eine Tendenz bestünde, sich hinter dem Steuer wie am Bildschirm zu wähnen und die Realität vor sich als scheinbar virtuell wahrzunehmen. Ein gefährlicher Irrtum. Draussen ist es nämlich brutal analog. Im Strassenbau bekommen wir das gnadenlos zu spüren.

Was erleben Ihre Mitarbeitenden?

Wir arbeiten an oder auf der Strasse und sind den Fahrzeugen fast schutzlos ausgeliefert. Im Unterschied zum Bahnverkehr, der professionell gesteuert wird und sich auf Gleisen bewegt, sitzt hinter dem Lenkrad ein ganz normaler Mitmensch, der seine Fahrbahn selbst bestimmt. Da sind wir schon froh, wenn dieser sich auf die Strasse konzentriert und sich nicht sonst wie ablenken lässt. Unbegreiflich sind mir Aggressionen gegen Strassenbaumitarbeiter.

Wie können wir im Verkehr besser miteinander umgehen?

Indem wir bewusst unsere Erfahrung in der Rolle des anderen berücksichtigen und so toleranter und entspannter werden im Verkehr. Als Autofahrer können Sie fast jede Verkehrssituation auf zwei Arten lösen: Entweder Sie nehmen den Fuss vom Gaspedal und verlangsamen das Tempo.

Oder Sie drücken drauf und werden schneller. Wer einmal eine Zeit lang konsequent die defensive Variante wählt, wird viel entspannter durch die Gegend fahren. Abgesehen davon hat Aggression im Strassenverkehr nichts zu suchen.

Wie ergeht es im heutigen Strassenverkehr den schwächsten Teilnehmern, den Kindern?

Die liegen uns natürlich besonders am Herzen. Wichtig ist, zu wissen, was die Kinder beim Verkehrsinstruktor lernen. Gerade am Fussgängerstreifen kommt es bisweilen zu Missverständnissen. Die Kleinen lehrt man, sie müssten auf dem Fussgängerstreifen warten, bis sich die Rädli der Autos nicht mehr drehen.

Sie bleiben also stehen, bis auch die Räder stillstehen. Manche Lenker wissen nun nicht, dass sie das Fahrzeug vollständig zum Stehen bringen müssen, sondern rollen langsam heran und denken: «Warum läuft der Knirps nicht los?» Aus Ungeduld, weil das Kind stehen bleibt, geben sie exakt dann wieder Gas, wenn das Kind – auch im Dilemma – losläuft. Eine gefährliche Konfliktsituation, in der unsere Verantwortung als Erwachsene gefragt ist.

Wieso laufen viele Jugendliche und Erwachsene über den Fussgängerstreifen, ohne zu prüfen, ob ein Auto kommt?

Ich begreife das auch nicht. Solches Verhalten ist einfach nur gefährlich und wird auch vom Gesetz nicht gestützt. Das Recht im Verkehr darf man sich nicht erzwingen. Ich kann die Frage nur zurückgeben und in den Raum stellen: Wieso provoziere ich etwas, wovon am Ende nur ich selbst betroffen bin?