Stadelhofen

Zürcher stechen Stararchitekt aus: Giuliani Hönger darf das 900-Millionen-Projekt bauen

Architekturbüro Giuliani Hönger darf das 900-Millionen-Projekt als viertes Gleis am Bahnhof Stadelhofen bauen.

Im Rennen waren zuletzt noch acht Projekte. Von ihnen hat die Jury jenes des Architekturbüros Giuliani Hönger AG aus Zürich zum Siegerprojekt auserkoren. «Der Entscheid ist einstimmig gefallen und die Projekte sind anonym eingereicht worden», sagte Jurypräsidentin Lisa Ehrensperger gestern bei der Präsentation. «Erst nach dem Entscheid haben wir die Couverts geöffnet und gesehen, wer die Urheber sind», sagte Ehrensperger.

Aufgrund der Vorgeschichte hätte leicht der Anschein von Befangenheit entstehen können. Denn auch der internationale Architekten-Star Santiago Calatrava hatte ein Projekt eingereicht. Er war es, der in den 1980er-Jahren den Bahnhof Stadelhofen baute, der heute unter Denkmalschutz steht. Viel Lob heimste Calatrava etwa für das Ladengeschoss in Form eines Walfischbauchs ein.

Er hatte bereits vor drei Jahren eine Vorstudie zum vierten Gleis erstellt und in der Folge den Anspruch erhoben, er sei als Erbauer prädestiniert dafür, auch die anstehende Erweiterung vorzunehmen. Eine Beschwerde gegen die Ausschreibung zog er im Frühling allerdings zurück.

Wie die anderen unterlegenen Bewerber kann Calatrava nun Beschwerde gegen den Jury-Entscheid erheben. Ihm steht sogar noch ein zusätzlicher juristischer Hebel zur Verfügung: Als Erbauer kann er auf Urheberrechte pochen. Er werde Beschwerde einreichen, falls sein Werk verschandelt werde, sagte Calatrava im Frühjahr. Gestern wollte er sich nicht äussern.

Bemerkenswert ist, dass das Siegerprojekt von Giuliano Hönger nun offenbar mit Calatravas Erbe behutsamer und respektvoller umgeht als der Meister selber. Jedenfalls sticht im Jurybericht genau dieser respektvolle Umgang von Hönger mit dem Bestehenden ins Auge.

Das Bahnhofsgebäude wird aufgewertet

An der speziell gestalteten Ladenpassage im Untergeschoss habe er nur minimale Änderungen vorgenommen. Im Gegensatz dazu stehen die laut Jury starken Eingriffe Calatravas im Ladengeschoss. Damit werde «ein zentraler Bestandteil der bestehenden Bahnhofsarchitektur empfindlich geschwächt», heisst es im Bericht.

Laut der Jury wertet Hönger das Bahnhofsgebäude stark auf. Er mache es gegenüber seiner Umgebung präsenter. Dies geschieht zum einen mit filigranen Aufbauten beidseits des Mittelteils, die dereinst als Café oder Restaurant genutzt werden sollen. Zum anderen hat das Büro Hönger die Zugänge zum Hauptgebäude grösser dimensioniert und ebenerdig gemacht. Damit werde die ursprüngliche Funktion als Aufnahmegebäude unterstrichen. «Die stärkere Präsenz des Bahnhofs ist nötig wegen des grossen Volumens des Axa-Gebäudes, das gleich nebenan geplant ist», sagte Ehrensperger. Der Versicherungsbau, entworfen von Calatrava, wird das Haus zum Falken ersetzen, wo derzeit ein Café einquartiert ist.

Das Kernprojekt des Projekts befindet sich tief in der Erde: Das vierte Gleis wird 35 bis 40 Meter tief in den Hang gebaut, und zwar auf gleicher Höhe wie die Ladenpassage im Untergeschoss. Die Fortsetzung des vierten Gleises bilden der zusätzliche eingleisige Riesbachtunnel (Richtung Bahnhof Tiefenbrunnen) sowie die Anschlüsse an die bestehenden Tunnels Richtung HB und Stettbach.

Die Fussgänger am Bahnhof Stadelhofen gelangen via die bestehende Einkaufspassage ans vierte Gleis. Vom «Walfischbauch» aus führen drei bis vier grosse Zugänge an die Gleiskante. Auf dem Weg dorthin gehen die Passanten an neuen Läden und Restaurants vorbei. Die Einkaufsfläche im Untergeschoss verdoppelt sich fast.

Von der ganzen Bauerei würden die Leute von aussen nur wenig mitbekommen, sagte Gesamtprojektleiter Marc Weber-Lenkel. Sowohl die Tunnels für die Gleise als auch die unterirdische Einkaufsfläche würden bergmännisch gebaut. Eine grössere Baugrube bei der hohen Promenade werde es nicht geben. Damit bleibe auch der dortige Grünraum samt Platanen weitgehend erhalten. Für das Projekt rechnen die SBB mit 900 Millionen Franken. Die Kosten übernimmt der Bund. Laut dem Gesamtprojektleiter verschlingt der Tunnelbau (über drei Kilometer) den Löwenanteil. Der Baustart ist auf «frühestens» 2026 geplant. Ende 2035 soll alles fertig sein.

Der Bahnhof Stadelhofen ist mit täglich 80000 Reisenden und 770 Zügen der siebtgrösste in der Schweiz und der drittgrösste im Kanton Zürich. Aus Kostengründen wurde er von Anfang an zu klein dimensioniert. Er bildet seit Jahren eine neuralgische Stelle im Schweizer Bahnnetz.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1