Trotz diplomatisch gewählter Worte: Der Rüffel an die Adresse der Zürcher Stadtpolizei war unüberhörbar. Deutlich genug jedenfalls, dass er inzwischen etwas bewirkt hat. Das belegen Zahlen aus dem Geschäftsbericht des Polizeidepartements, der im April veröffentlicht wird.

Vor einem Jahr trat der Polizeivorsteher – damals noch Daniel Leupi (Grüne) – leicht schockiert vor die Medien, um auf einen mutmasslichen Missstand hinzuweisen. Über 5000-mal hatten seine Leute in den vorangegangenen 12 Monaten das neue Machtmittel der Wegweisung angewendet, das ihnen das kantonale Polizeigesetz verliehen hatte. Tag für Tag hatte die Stadtpolizei 15 Personen von einem bestimmten Ort vertrieben und ihnen für bis zu 24 Stunden untersagt, dorthin zurückzukehren. Leupis Verdacht war: Manche Stadtpolizisten könnten das Augenmass etwas verloren haben.

Was die Polizei damals in Abrede stellte, scheint der aktuelle Geschäftsbericht zu bestätigen. Die Zahl der Wegweisungen ist nach der Intervention Leupis um die Hälfte zurückgegangen, auf nur noch 2572 Fälle im Jahr 2013. Und als einer der Gründe dafür wird genannt, dass die Polizei das Instrument nun «zurückhaltender angewendet» habe.

120 Scheinkäufe von Kokain

Ganz entscheidend zum Rückgang beigetragen hat aber noch ein anderer Faktor: Es waren in erster Linie Dealer und Drögeler gewesen, die von Stadtpolizisten regelmässig fortgeschickt worden waren. Denn die Polizei setzte im Kampf gegen die Drogenszene zuletzt stark auf Wegweisungen, und zwar aus einer Not heraus: Ein Urteil des Bundesgerichts hatte es ihr vor rund fünf Jahren verboten, Drogenhändler mittels Scheinkäufen zu überführen. Seit einem Jahr darf sie das wieder.

Der Wandel in der Polizeipraxis lässt sich beziffern: Im selben Zeitraum, in dem die Zahl der Wegweisungen um die Hälfte sank, stieg die Zahl der Scheinkäufe von null auf 90 – in den ersten zwei Monaten dieses Jahres kamen nochmals 30 dazu. Dabei sei es in neun von zehn Fällen um kleine Strassenhändler gegangen, vor allem um die sogenannten «Chügelidealer», die in der Gegend um die Langstrasse Kokain verkaufen.

Es handelt sich bei diesen laut Polizei vor allem um Nigerianer und andere Westafrikaner, die sich darauf spezialisiert haben, kleine Päckchen mit dem weissen Pulver in ihrem Mund zu verstecken. Mit diesem simplen Kniff stellten sie die Drogenfahnder in den letzten Jahren vor ein Problem: Zwar kontrollierten die Polizisten immer wieder Leute, sie konnten ihnen meist aber nichts nachweisen – die Dealer hatten ihre Kokainpäckchen oft schon verschluckt. Um sie festnehmen zu können, mussten die Fahnder die Drogenumschlagplätze observieren und nach einem Deal zuschlagen.

Wo dies nicht gelang, half nur die Wegweisung. Unter dem Strich habe die Präsenz der «Chügelidealer» während der vier Jahre ohne Scheinkäufe zugenommen, heisst es, auch wenn die hohe Kontrolldichte eine abschreckende Wirkung gehabt habe. Nun aber nimmt der Druck auf das Geschäftsmodell dieser Dealer zu.

Die Stadtpolizei schickt ihre verdeckten Ermittler wieder an die Langstrasse. Ein Ersttäter kassiert in der Praxis eine bedingte Geldstrafe von 15 bis 30 Tagessätzen, deren Höhe von seinen finanziellen Verhältnissen abhängt.