Er ist die grosse Unbekannte im Leben: der Tod. Die letzte Unsicherheit in einer Welt, die alles erklären kann, hat Philosophen und Wissenschaftler, Künstler und Normalsterbliche, die sie ja alle sind, umgetrieben, seit die Menschheit denken kann. Es ist wohl die Absolutheit, mit der der Tod sich vom Lebenden abgrenzt, von jeglicher Art intellektueller Fassbarkeit, die die Menschheit nicht aus ihrem Bann lässt. Die Konzepte wie Himmel, Hölle, Wiedergeburt oder grosse Leere Fuss fassen und doch nie so richtig überzeugen lässt. Denn sie sind nur Behilfskonstrukte. Was nach dem letzten Atemzug passiert, weiss niemand.

Und doch bleibt die Frage, was danach kommt. Denn was kommt, wirkt auch auf das Jetzt. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod mag sich in den meisten Köpfen schon abgespielt haben. Nach aussen dringt sie in den wenigsten Fällen. Anders verhält es sich bei den 65 Persönlichkeiten aus Zürcher Kultur, Politik und Gesellschaft, deren eigene Vorstellungen vom letzten Geheimnis nun in Buchform erhältlich sind.

Im ersten Büro für letzte Fragen

«Das Eigene» heisst das Werk denn auch, das aus der Ausstellung «Verschieden bis zuletzt» hervorgegangen ist. Erstmals gezeigt wurden die Beiträge im schweizweit ersten Büro für die letzten Fragen, dem Zürcher Friedhof Forum, das seit 2012 im grossen Torhaus des Friedhofs Sihlfeld Dienstleistungen und Gedankenfutter rund um den Tod anbietet.

Der dunkelgraue Umschlag des nun im Handel erhältlichen Buches, eine grafische Hommage an den Grabstein, täuscht. Im Innern dominieren Farben und Witz, wenn auch immer im Angesicht dessen, bei dem man gemeinhin keinen Spass versteht. Eine gewisse Ehrfurcht zieht sich trotzdem durch alle Beiträge, die mal Prosa, Poesie, mal Zeichnung, Grafik, Design, mal Fotografie sind – zu gross der dunkle Fremde, dem sie sich anzunähern versuchen. Und schnell wird klar: Wer nach Antworten sucht, wird hier nicht fündig. Denn was nach dem letzten Atemzug wirklich passiert, das weiss weder die Stadtpräsidentin noch der Bestatter.

Nichts als Fragen stellt konsequenterweise der Publizist Thomas Wyss im Buch. «Und was ist mit dem FCZ?», will er etwa wissen. Aber auch: «Wer wird die erste Person sein, die nach der Beerdigung mein Grab besucht?» Was von einem übrig bleibt – das ist die Frage, die auf ihre Weise in allen Werken gestellt wird. Gibt es das Ureigene, das nach dem Tod seine Spuren hinterlässt? Die Zürcher Stadtpräsidentin meint: Nein. «Das Eigene ist eine Illusion», schreibt Corine Mauch. «Und das ist gut so.»

Schrecken löst dieser Gedanke hingegen bei der Sozialarbeiterin und Autorin Judith Giovanelli-Blocher aus: «Der Tod ist die letzte Demütigung: niemand ist anders als andere», schreibt die Schwester des SVP-Übervaters. «Nicht lange, dann ist der Tod da, macht keine Umstände, erledigt mich wie alle Anderen auch. / Alle gleich. Ich bin entsetzt: ich wie alle Anderen – das darf nicht sein!!»

Und sei es nur ein Häufchen Staub

Ebensowenig kann sich der Protagonist in Franz Hohlers Beitrag, seines Zeichens «de Chef vo eim vo de gröschte Treuhandunternähme vom Standort», damit abfinden, dass auch der Angestellte des städtischen Friedhofs – «es posthums Kompetänzzentrum» – dem Abschied ins Nichts kein besseres Angebot entgegenhalten kann. Der Chef muss einsehen: Ein Spital mag heute keine Patienten, sondern Kunden haben, doch auf dem Friedhof bleibt der Tote ein Toter – ohne Wlan-Draht zur Welt der Lebenden.

Die Sehnsucht, dort etwas von sich zu hinterlassen, und sei es nur ein Häufchen Staub, auch sie findet Eingang in «Das Eigene». Ob per Feuerwerk in die Atmosphäre katapultiert, in Gebirgserde verbuddelt oder am Fuss eines sizilianischen Orangenbaums verstreut – die Vorstellungen, was mit der eigenen Asche passieren soll, sind bei manchen ebenso konkret wie bei anderen die Pläne für die Beerdigungsfeier.

Ob Ivar Breitenmoser das Begräbnis erhielt, das er sich gewünscht hatte, bleibt unbekannt. Der Lyriker und Plakatkünstler, dessen konkrete Poesie die Sammlung eröffnet, wurde am Mittwoch auf dem Friedhof Sihlfeld begraben – dort, wo auch das acht Kilogramm schwere Original des Buchs ausgestellt ist. Ein Buch, auf dessen erster Seite Breitenmoser schreibt:

werde
werde ich
und werde
werde

werde
werde ich
und werde

bis ich sterbe

werde
werde ich
und werde
wieder erde

«Das Eigene»: Herausgegeben vom Friedhof Forum der Stadt Zürich, nach einer Idee und mit künstlerischer Bearbeitung von Nora Fehr. Rund 180 Seiten, erhältlich im Handel und im Friedhof Forum im Friedhof Sihlfeld, 18 Franken.