Frau Hatt, warum setzen Sie sich für die Gleichberechtigung ein?

Lea Hatt: Dass Thema Gleichberechtigung beschäftigt mich seit etwa einem Jahr. Als ich Mitglied im Jugendparlament wurde, fiel mir auf, wie wenig Frauen in der Schweizer Politik vertreten sind. Ausgelöst hat mein Interesse unter anderem das Buch von Manon Schick, die aktuell in der Geschäftsleitung von Amnesty International Schweiz ist. Sie portraitiert elf Frauen auf der ganzen Welt, die unter schweren Umständen für Gleichberechtigung kämpfen.

Zudem hat mich Flavia Kleiner von Operation Libero im letzten Jahr stark beeindruckt. Und Jacinda Ardern. Die 37-jährige Neuseeländerin ist weltweit die jüngste weibliche Premierministerin aller Zeiten. Zudem ist sie eine der ersten Frauen, die in einem solchen Amt schwanger werden. Mit all diesen Frauen kann ich mich identifizieren, weil mich Politik und Medien stark interessieren. Zudem lese ich viel; Zeitungen wie auch Studien. Bezüglich Lohngleichheit und Teilzeitarbeitsmodellen muss in der Schweiz noch viel passieren.

Welchen Bezug haben Sie zur Flüchtlings-Thematik?

Meine Mutter stammt aus Bosnien und musste ihr Heimatland wegen dem Krieg verlassen. Ich weiss, was es bedeutet, wenn man flüchten muss. Bei einem sechsmonatigen Aufenthalt in Indonesien wurde mir klar, wie vieles ich als selbstverständlich erachte, was es aber nicht ist. Als die Flüchtlingswelle hierzulande ihren Höhepunkt erreichte, fand ich es wichtig, das Thema an der Schule zu diskutieren. So habe ich zusammen mit einer Freundin einen Flüchtlingstag am Gymi organisiert.

Sie lancieren Podien zu politischen Themen, organisieren Benefiz-Anlässe, führen Spendenaktionen durch und engagieren sich auch im Jugendparlament des Kantons Zürich. Haben Sie überhaupt noch Freizeit?

All das ist Teil meiner Freizeit. Das geht aber nur, weil ich mich dafür begeistere. Wenn man mitten in der Organisation eines Anlasses steckt, dann müssen Hobbies oder Freunde halt hinten anstehen. Nachher ist ja dann wieder genug Zeit dafür vorhanden.

Warum interessiert Sie die Politik?

Ich suche bewusst Plattformen, wo ich meine Umgebung mitgestalten und mich aktiv einbringen kann. Die Politik wie auch die Medien haben die Macht, die gesellschaftliche Denkweise zu beeinflussen.

Sie haben den Young Women in Public Affairs Award 2018 erhalten. Was bedeutet das für Sie?

Es motiviert mich, mich weiterhin zu engagieren. Dass ich den Preis von einer Organisation erhalten habe, die sich weltweit für Frauen und ihre Rechte einsetzt, ist für mich von besonderer Bedeutung. Vor allem wenn ich sehe, wer alles den Preis schon erhalten hat.

Was machen Sie mit dem Preisgeld?

Nach dem Gymnasium möchte ich zuerst ein Praktikum absolvieren. Kommenden März möchte ich mich dann als Volontärin für zwei Monate bei einer Flüchtlingsorganisation in Athen engagieren. Dafür kann ich das Geld gut gebrauchen.

Trifft die Meinung zu, dass sich Jugendliche zu wenig für Politik interessieren und engagieren?

Anfänglich glaubte ich, in einer Generation aufzuwachsen, die schläft. Ich fand die früheren Jugendbewegungen faszinierend. Als die kantonalen Sparmassnahmen aber schweizweit dazu geführt haben, dass sich Jugendliche miteinander vernetzt und Demos organisiert haben, änderte sich meine Meinung. Ich lebe in einer spannenden Zeit zusammen mit interessierten, hellen Köpfen.

Warum, glauben Sie, ist das so?

Mit den sozialen Medien geht Vernetzung viel schneller und einfacher. Der Nachteil daran ist, dass wir mit Eindrücken und Inputs überhäuft werden. Meine Generation lässt sich schnell von etwas begeistern. Schade ist nur, dass die Luft, an etwas dran zu bleiben, schnell verpufft. Meine Generation muss lernen, Geduld zu haben und dran zu bleiben, wenn sie tatsächlich etwas langfristig verändern will.

Welchen Beitrag können die Schule, die Familie oder auch die Medien leisten, um dies zu ändern?

Es gibt beispielsweise ein tolles Angebot von Easyvote. Jeweils vor den Abstimmungen machen sie Informationsbroschüren spezifisch für Schüler, die lediglich 90 Rappen kosten. Ich würde mir von den Schulen wünschen, dass sie sich zu Herzen nehmen, uns solche Unterlagen abzugeben. Besonders wenn es um Abstimmungen geht, die nicht so stark polarisieren wie beispielsweise die No-Billag-Initiative. Zudem sollte die Schule regelmässige Podien und Debatten fördern. Auch der Staatskundeunterricht bekommt zu wenig Beachtung im Lehrplan.

Ein Gymnasium hat einen Auftrag gegenüber uns Jugendlichen zu erfüllen, wir sind schliesslich die Stimmbürger von morgen. Das alles ist besonders wichtig zurzeit, weil das Vertrauen in die sozialen Medien und Zeitungen bei den Jugendlichen geschwunden ist.

Was sind Ihre Ziele nach der Matura?

Ich strebe ein Studium der Politik- und Medienwissenschaften an. Beruflich habe ich noch keine konkreten Ziele, da kann sich in den nächsten Jahren noch einiges tun.