Es war knapp, verdammt knapp. Mit einer Stimme Vorsprung vor seiner Herausforderin wurde der Zürcher Kantonsrat Raphael Golta vorige Woche zum Stadtratskandidaten der Sozialdemokraten nominiert. Damit hat er im linksgrün dominierten Zürich gute Chancen, am 7. Februar gewählt zu werden.

Eine seiner 85 Stimmen gab Catherine Heuberger ab, Kantonsrätin und Delegierte derselben Parteisektion, der Golta angehört. Doch Heuberger ist nicht bloss Delegierte und Ratskollegin, sie ist auch Goltas Ehefrau und Mutter eines gemeinsamen Sohnes. Lag es an der einen Stimme seiner Frau, dass Golta gekürt wurde?

Das kann man so sehen, rein mathematisch zumindest. Allerdings: Hätten Golta-Heubergers keinen Babysitter gefunden, wäre die Stimmkarte an einen Ersatzdelegierten derselben Sektion gegangen – und die Stimme damit wohl auch an Golta.

Der Partner von Goltas Herausforderin, Min-Li Marti, Fraktionschefin im städtischen Gemeinderat, hatte hingegen kein Stimmrecht an der Delegiertenversammlung der SP. Balthasar Glättli ist Mitglied der Grünen und seit 2011 Nationalrat. Wollte es der Zufall, dass beide Spitzenkandidaten mit Politikern liiert sind? Auch der Stadtratskandidat der Grünen, Markus Knauss, ist seit über 20 Jahren der Lebenspartner einer Politikerin: der Kantonsrätin Gabi Petri. Beide teilen sich seit vielen Jahren die Geschäftsleiterstelle der Zürcher Sektion des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS).

Weitere Politpaare sind Kantonsrätin Erika Ziltener und Nationalrat Thomas Hardegger (beide SP) oder Nationalrätin Chantal Galladé und Ratskollege Daniel Jositsch (SP). Auch der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) ist mit einer ehemaligen Kantonsratskollegin verheiratet. Die Partnerin des abtretenden SP-Stadtrats Martin Waser sass früher im städtischen Gemeinderat.

Die Liste geht weiter: Als eine von 180 Kantonsrätinnen überwacht Esther Hildebrand die Arbeit ihres Gatten, des Zürcher Justizdirektors Martin Graf. Beide gehören der Grünen Partei an. «Ob die Leute das glauben oder nicht, wir erzählen uns nicht alles», sagt Graf. Beide seien sich sehr bewusst, dass Interna aus Regierung und Kommissionsarbeit im Privatleben nichts verloren hätten. Graf glaubt, dass es für politisch aktive Menschen leichter sei, wenn sie mit ihresgleichen liiert seien. Beide, Graf und Hildebrand, sind geschieden und haben Kinder aus erster Ehe. «Es ist anstrengend, mit einem Politiker zusammen zu sein», so Graf: lange Arbeitszeiten, Abende und Wochenenden für die Partei, Wahlkämpfe und die ständige Öffentlichkeit seien eine grosse Herausforderung für eine Beziehung.

Doch bevor eine Partnerschaft funktionieren kann, muss sie sich erst anbahnen. Catherine Heuberger trat 2011 in den Kantonsrat ein. Gekannt hatten sie und Golta sich schon vorher, doch erst in der Sommerpause nach den ersten Wochen der neuen Legislatur knisterte es zwischen den beiden. Nach den Sommerferien waren sie ein Paar. Kein Zufall, findet auch Golta selber: «Im Politbetrieb ergeben sich so viele Gelegenheiten, bei denen man sich begegnet, Sitzungen, Anlässe, Apéros», sagt der Stadtratskandidat. «Kommt hinzu», so Golta, «dass Politik etwas sehr Emotionales ist. Wenn man da ähnlich tickt, ist das bereits eine gute Basis.»

Dem kann der Berner Paar-Therapeut und Buchautor Klaus Heer beipflichten: «Gegensätze ziehen sich zwar an, aber längerfristig leben Gleich und Gleich, die sich bekanntlich gern gesellen, wohl besser zusammen.» Die meisten Paare seien überfordert, wenn die Unterschiede zu gross seien, so Heer. «Einigermassen auf Anhieb zu begreifen, wovon der Partner spricht, wenn er von seinem Berufsalltag redet, macht alles etwas leichter», Letzteres gelte auch für die Politik. Politpaare können sich zudem bei Hochs und Tiefs besser unterstützen: «Aus eigener Erfahrung nachfühlen zu können, was die Belastungen des Berufs sind, wirkt auch unterstützend», meint Heer.

Dass sich Menschen via Politik kennen lernen, findet Heer nicht ungewöhnlich: «Der Arbeitsplatz ist immer noch der wichtigste Umschlagplatz für die paarungswillige Liebe. Bedeutsamer als etwa das Internet und der Ausgang.» Dazu zähle auch ein «Nebenjob», so der Therapeut.

Auch wenn Politpaare bei den linken Parteien häufiger sind, sie existieren auch in bürgerlichen Kreisen. Der städtische Ex- FDP-Finanzvorstand Martin Vollenwyder etwa ist mit der ehemaligen FDP-Kantonsrätin Susanne Bernasconi verheiratet.

Im Kantonsrat sitzt auch der Zürcher Apotheker Lorenz Schmid. Seine Frau ist Nationalrätin Barbara Schmid-Federer, beide sind Mitglieder der CVP. Die Lust an der Politik gehe auf eine gemeinsame Zeit in Paris zurück: «In Frankreich ist der politische Diskurs im Alltag präsenter», sagt Lorenz Schmid. Als die gebürtigen Innerschweizer zurück nach Männedorf am Zürichsee zogen, traten sie der CVP bei. In ihren politischen Meinungen beeinflussen sie sich gegenseitig: «Barbara ist mein sozialpolitisches Korrektiv», erklärt ihr Mann mit einem verschmitzten Lächeln. Als Gewerbetreibender lägen ihm die Wirtschaftsthemen näher. An politischen Anlässen sieht man die beiden praktisch nie gemeinsam, als Politiker trete jeder für sich auf, so Schmid. «Wir möchten unser Privatleben nicht zu sehr politisch durchtränken lassen.»

Ein anderes bürgerliches Paar sind Hans und Ursula Fehr. Er ist seit vielen Jahren Nationalrat der SVP, sie amtet für dieselbe Partei als Gemeindepräsidentin von Eglisau – und nebenbei als Richterin am Bezirksgericht Bülach.

Ehefrauen von Politikern haben es im Kanton Zürich allerdings nicht immer einfach, ihre eigene Politkarriere weiter aufzubauen: Kurz nach Martin Grafs Amtsantritt in der Regierung im Mai 2011 wollte Partnerin Hildebrand den frei gewordenen grünen Sitz im Stadtrat von Illnau-Effretikon erben – Graf war dort während 13 Jahren Stadtpräsident. Doch die Wähler verweigerten ihr den Einzug in die Exekutive der Gemeinde.

Ähnlich war es einer anderen Esther ergangen: Esther Arnet, Ehefrau des damaligen SP-Justizdirektors Markus Notter. Ab 1995 war sie im Kantonsrat, während ihr Mann im Regierungsrat sass. 2009 kandidierte Arnet für die Exekutive der Stadt Dietikon, wo ihr Mann vor seiner Wahl in den Regierungsrat Stadtpräsident war. Doch die Wähler gaben Arnet einen Korb.

Bei der Familie Fehr wagt sich übrigens bereits die nächste Generation an politische Ämter: Tochter Nina Fehr (33) kandidiert – na für was wohl? – für den Zürcher Stadtrat. Sie ist ein Glied einer Zweierkandidatur. Und bis jetzt macht sie das als Politneuling ganz gut. Während ihr Co-Kandidat Roland Scheck auf Facebook über Kontakte zu Rechtsextremen stolpert, hört man von Fehr keinen Pieps.