Sei das nun an der Medizinischen oder an der Theologischen Fakultät, die katholische Kirche im Kanton Zürich will an der Zürcher Universität einen Lehrstuhl oder eine Professur im Spiritual Care-Bereich finanzieren. Das bestätigen Generalvikar Josef Annen und Synodalratspräsident Benno Schnü- riger. Auf reformierter Seite ist nach Angabe von Kirchenratspräsident Michel Müller das Interesse vorhanden, einen Beitrag zu leisten. Die Idee dahinter ist, dass gerade auch der kranke Mensch empfänglich ist für spirituelle Impulse. Daher sollen Ärzte im Rahmen ihrer Ausbildung gezielt im Bereich von Spiritual Care geschult werden.

Auf offene Ohren gestossen

Nach Auskunft von Annen und Schnüriger sind sie mit ihrem Anliegen bei der Universität auf offene Ohren gestossen. Auch aus dem Universitätsspital waren interessierte Stimmen zu hören. Sowohl die Weltgesundheitsorganisation wie auch das Bundesamt für Gesundheit und die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften sind von der Notwendigkeit der Spiritual Care als Teil der Palliative Care überzeugt. An der Maximilian-Ludwig-Universität in München ist vor drei Jahren eine Professur für Spiritual Care eingerichtet worden. Die Arbeit teilen sich auf katholischer Seite ein Jesuit, der zugleich Arzt ist, und auf evangelischer Seite ein Pfarrer.

Annen und Schnüriger können sich durchaus vorstellen, dass sich in Zürich ebenfalls zwei Personen, die der katholischen und reformierten Kirche angehören, dieser Aufgabe annehmen.

Michel Müller bestätigt das Interesse der reformierten Kirche an der Angelegenheit. Seitens der Synode liegt sogar ein Postulat vor, das sich mit der Rolle der Kirche in der Palliativpflege befasst. «Wir finden es an der Zeit, jetzt hier in Zürich einen Pflock einzuschlagen», erklärt Müller.

Dass die Zeit reif ist, findet man auch auf katholischer Seite. Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften hat jüngst eine Ausschreibung veröffentlicht, wonach sich Deutschschweizer Universitäten um die Zuteilung des Bereichs der Palliative Care bewerben können. Zürich wäre dazu hervorragend geeignet, in diesem wichtigen Gebiet eine Pionierrolle einzunehmen, finden Annen und Schnüriger.

Wie Annen sagt, könnte dank Privatmitteln eine Anschubfinanzierung für eine Stiftungsprofessur für zwei Jahre ermöglicht werden, anschliessend müsste dann die katholische Kirche und in zweiter Linie auch die reformierte Kirche als Sponsor auftreten, was die Zustimmung der jeweiligen Synode nötig macht. Mit wem die Stelle besetzt wird, ist auf jeden Fall Sache der Universität.

Noch nicht sicher ist, ob die Professur an der Medizinischen oder der Theologischen Fakultät errichtet werden soll. Auf jeden Fall soll sichergestellt werden, dass angehende Ärzte obligatorisch das neue Fach besuchen. Dabei geht es nicht darum, die Ärzte gleichsam auch als Seelsorger auszubilden. Aber sie sollen Verständnis haben für die spirituelle Seite des Menschen. Studien haben ergeben, dass sich gelebte Spiritualität auf die Gesundung von Patienten oder auch im Sterbeprozess positiv auswirkt.

Ärzte sollen Sensorium entwickeln

Die Spitalseelsorger würden dadurch keineswegs überflüssig, finden Annen und Schnüriger, im Gegenteil. Die von Spiritual Care ausgehenden Impulse sollen übrigens nicht allein sterbenden Menschen in Kliniken zugutekommen, sondern möglichst allen Kranken. «Für einen Christen sind Krankheit und Tod nicht a priori negativ besetzt», erinnert Annen. Die Religion könne nicht bei allen, aber bei vielen Menschen eine Kraftquelle sein, die etwa bei Angstzuständen hilft. Ein Arzt soll von dieser Dimension Kenntnis haben und ein Sensorium für solche Fragestellungen entwickeln. Auch das Pflegepersonal könnte von einer Erweiterung von Lehre und Forschung mittels Spiritual Care profitieren.

Wenn es nach den Promotoren der Idee auf katholischer Seite geht, könnte man die Professur bereits in einem Jahr einrichten. Sie wissen allerdings: Dazu braucht es viel Goodwill seitens der beteiligten Institutionen. Annen und Schnüriger auf katholischer wie auch Müller auf reformierter Seite sind aber überzeugt, dass sich die Idee verwirklichen lässt.