Wollen Familien mit Kindern in der Primarschule an einem Schultag einen Ausflug machen, können sie seit 2007 einen Jokertag beziehen. Werden die Kinder aber älter und besucht eines das Gymnasium, fällt der Ausflug ins Wasser – in der Mittelschule gibt es keine Jokertage. Dies wollen 14 Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Bülach ändern. Sie verfassten im Sommer 2015 eine Einzelinitiative, die ihr Lehrer im Kantonsrat einreichte. Gestern hat sich die Mehrheit des Kantonsrats für ihr Anliegen und eine Anpassung im Mittelschulgesetz ausgesprochen.

Nimmt der Vorstoss in der zweiten Lesung die letzte Hürde, hat er eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Verschwindend wenige Einzelinitiative erhalten genügend Unterstützung im Kantonsrat, um weiterverfolgt zu werden. Zudem hat das Anliegen der Kantonsschüler gewichtige Gegner: Sowohl der Regierungsrat als auch die Schulleiterkonferenz sprachen sich dagegen aus.

Es setze ein falsches Zeichen, wenn die Gymnasiasten gegenüber der Berufsschüler bevorzugt würden, sagte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) gestern im Rat. Sie gab zu bedenken, dass die heutige Absenzenregelung genügend flexibel sei und der administrative Aufwand zu gross würde, da unterschieden werden müsse, welche Absenzen als Jokertage gelten und welche nicht. Die Schulleiter hatten sich besorgt gezeigt, dass immer mehr Schulstoff in immer kürzerer Zeit erarbeitet werden müsse. Da seien Jokertage kontraproduktiv.

Eigenverantwortung fördern

Die Mehrheit des Kantonsrats liess diese Argumente aber nicht gelten. Es sei verständlich, dass der Lerndruck hoch sei, aber den verpassten Stoff, müssten die Schüler im Selbststudium aufarbeiten, sagte Jacqueline Peter (SP, Zürich), Präsidentin der Kommission für Bildung und Kultur. Das fördere die Eigenverantwortung der Schüler.

Sabine Wettstein (FDP, Uster) betonte, dass derzeit auch eine Ungerechtigkeit herrsche zwischen Sekundarschülern und Untergymnasiasten, da Letztere keine Jokertage einsetzen könnten. Hier wollte ein Minderheitsantrag von GLP und EDU Abhilfe schaffen. Die Jokertage sollten nur im Untergymnasium eingeführt werden. So waren auch die Obergymnasiasten nicht bevorzugt gegenüber den Berufsschülern. Dieser Vorschlag hatte aber keine Chance.

Hanspeter Hugentobler (EVP, Pfäffikon) appellierte an seine Kollegen: «Ich gehe jede Wette ein, dass Sie selber mehr als zwei Jokertage pro Jahr einsetzen, um sich mal dem Berufsalltag zu entziehen.» Diese Selbstverständlichkeit, soll auch für Kantonsschüler möglich sein. Zudem würden ehrliche Schüler belohnt, die nicht schwänzen wollen. Neu hätten sie die Möglichkeit auch einmal zu fehlen. Karin Fehr (Grüne, Uster) wollte den Kantonsschülern «dieses kleine Stück Freiheit» gönnen. Unvernunft sei ab und zu angesagt.

SVP kategorisch dagegen

Nur die SVP sträubte sich kategorisch. Rochus Burtscher (Dietikon) fragte, wofür man überhaupt noch Mittelschulen brauche, wenn jeder kommen und gehen könne, wie es ihm beliebt: «Sind 13 Ferienwochen plus Feiertage nicht genug?» Geografielehrer Matthias Hauser (SVP, Hüntwangen) enervierte sich, dass es in der heutigen Spassgesellschaft nur noch um Freizeit gehe. Mit den Jokertagen würde auch nichts Sinnvolles, sondern nur Besuche im Europapark ermöglicht. Zudem seien sie kein Thema in Schüler- oder Elternorganisationen und somit kein Bedürfnis.

Schliesslich stimmte der Rat mit 115 zu 15 Stimmen für den Antrag der Bildungskommission zur Gesetzesänderung und gegen den Minderheitsantrag von GLP und EDU. In der zweiten Lesung wird noch über einen Ablehnungsantrag der SVP befunden. Sollten die Mehrheitsverhältnisse aber gleich bleiben, wird der Weg frei für die Jokertage.