Am Anfang standen Vermisstenanzeigen. Sie betrafen Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Grossraum Winterthur, die sich mutmasslich den Kriegern des Islamischen Staats angeschlossen und deren Angehörige den Kontakt zu ihnen verloren hatten, wie dem neusten Geschäftsbericht der Kantonspolizei Zürich (Kapo) zu entnehmen ist. In der Folge gründete die Kapo Anfang 2015 eine Sonderkommission zum Schutz vor islamistisch motivierten Terroranschlägen. Das Thema ist im Fokus der Kapo-Präventionsarbeit geblieben. Insgesamt haben deren Spezialisten seit 2015 rund 50 Fälle vor dem Hintergrund islamistischer Radikalisierung bearbeitet, wie Reinhard Brunner, Chef der Kapo-Präventionsabteilung, gestern vor den Medien sagte. Aktuell sind laut Brunner knapp zehn potenzielle Islamisten im Visier der Kapo.

Einige davon seien in Strafverfahren in Zusammenhang mit der inzwischen geschlossenen Winterthurer An’Nur-Moschee verwickelt gewesen und inzwischen wieder auf freiem Fuss. Nach oder anstelle von Haft wurden ihnen Ersatzmassnahmen auferlegt: Sie müssen sich von Gewaltschutz-Experten der Polizei begleiten lassen, Einblick in ihre Wohnung und ihr Handy gewähren oder den Kontakt zu bestimmten Personen unterlassen, so Brunner.

Neben den bereits in Strafverfahren verwickelten Personen seien unter den polizeilich begleiteten potenziellen Islamisten auch Leute, die sich zu radikalisieren beginnen. «Es geht darum, den Kontakt zu ihnen zu finden. Häufig stecken Probleme mit dem Job, der Wohnung und familiäre Probleme dahinter», sagte Brunner.

«Mobbing ist häufig ein Faktor»

Um auf dieses breite Themenspektrum besser eingehen zu können, hat die Kapo per 1. März 2018 die Interventionsstelle gegen Radikalisierung und gewalttätigen Extremismus (IRE) gegründet. Sie soll die Arbeit der betreffenden Behörden und Institutionen koordinieren und Massnahmen zur Deradikalisierung entwickeln, wie IRE-Leiter Daniele Lenzo sagte. Ein entsprechendes Projekt namens «Contra» wurde Mitte Mai gestartet.

Lenzo arbeitete zuvor in der Gewaltprävention des Schul- und Sportdepartements der Stadt Zürich. Auf die Hintergründe islamistischer Radikalisierung angesprochen, sagte er: «Mobbing ist häufig ein Faktor. Wenn Leute sich ausgegrenzt fühlen, kann dies dazu führen, dass sie sich radikalisieren.» Daher sei es wichtig, schon im Schulalter genau hinzuschauen, sowohl vonseiten der Schule als auch von Elternseite: «Wenn sich ein Kind radikalisiert, darf man nicht wegschauen, sondern sollte darüber reden», sagte Lenzo.

Eine Broschüre, die Eltern dazu Tipps gibt, werde die Kapo diesen Herbst herausgeben, ebenso ein Video zum Thema Deradikalisierung. Auf Lücken im bestehenden Präventionsangebot angesprochen, meinte Lenzo: «Es gibt zu wenig Aussteigerprogramme.»
Eine seit zehn Jahren tragende Rolle in der polizeilichen Präventionsarbeit nehmen hingegen die sogenannten Brückenbauer ein. Ihre Aufgabe besteht darin, das Gespräch mit Ausländervereinen und Moscheen-Vertretern zu suchen, Kontakte zu pflegen, um ein Netzwerk aufzubauen, das auch im Krisenfall weiterhilft.

«Das Institut Brückenbauer hat die Kantonspolizei Zürich zu einer Zeit erfunden, als ich noch nicht im Amt war», sagte Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) zum Hauptthema der Medienkonferenz, dem 10-Jahre-Jubiläum der Brückenbauer. «Nur so war es möglich, in Winterthur rechtzeitig vor Ort zu sein, wenn Leute in den Dschihad reisen wollten», so der Regierungsrat weiter. Derzeit hat die Kapo Zürich 2 vollamtliche und 14 nebenamtliche Brückenbauer.

Die Jüngste von ihnen ist Susanna Contesse. Hauptberuflich arbeitet sie für die Verkehrspolizei in Winterthur. Im Nebenamt ist sie seit Dezember 2017 als Brückenbauerin im Bezirk Bülach tätig. Auf ihre bisherigen Erfahrungen angesprochen, sagte sie: «Ich wurde immer freundlich empfangen.» Als Frau könne sie auch Kontakte zu Frauen in muslimischen Vereinen und Moscheen pflegen. «Mich interessieren fremde Kulturen und ich gehe gerne auf Menschen zu. Wenn man bereit ist, sich ins Gegenüber zu versetzen, ändert sich oft die Sichtweise», erklärte Contesse.

Derweil bekräftigte der in seiner Partei umstrittene SP-Regierungsrat Mario Fehr seine Haltung gegenüber Extremisten: «Wir haben die Koran-Verteilaktion Lies unterbunden, wir haben grössere Veranstaltungen des Islamischen Zentralrats unterbunden. Das Gleiche gilt auch für Neonazi-Aufläufe. Wir geben den öffentlichen Raum keinen radikalisierten Gruppierungen preis.»