Wann haben Sie von der Familientragödie in Flaach erfahren?

Martin Graf: Ich habe zu Beginn des neuen Jahres aus den Medien von diesem tragischen Ereignis erfahren und habe mit grossem Bedauern davon Kenntnis genommen.

Was lief im Fall Flaach aus Ihrer Sicht falsch? War alles nur eine Verkettung unglücklicher Umstände oder lassen sich bereits heute klare Systemfehler ausmachen?

Dazu kann ich zum heutigen Zeitpunkt keine Stellung nehmen. Als Aufsichtsbehörde haben wir die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Winterthur-Andelfingen und den Bezirksrat Winterthur ersucht, je einen Bericht zu verfassen und uns diesen innerhalb von zwei Wochen vorzulegen. Diese Berichte sollen das Handeln der Behörden genau aufzeigen. Erst anhand von Fakten kann deren Tätigkeit beurteilt werden. Eine Vorverurteilung ist fehl am Platz.

Die Anwältin der Mutter und die Grosseltern der getöteten Kinder erheben gegenüber der Kesb schwere Vorwürfe und sehen bei der Behörde zumindest eine Mitschuld. Inwieweit werden die Vorwürfe in den Berichten berücksichtigt?

Die Berichte der Aufsichtsbehörden werden den Hergang der Ereignisse schildern. Zur fachlichen Beurteilung werden wir allenfalls noch ein unabhängiges Gutachten in Auftrag geben.  

Ein solches externes Gutachten wurde ja bereits im Fall Bonstetten vom damaligen Regierungsrat Markus Notter eingeholt und hatte massgeblich zur Klärung beigetragen...

...das ist richtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein Gutachten einholen werden, ist auch in diesem Fall hoch. Vorgängig wird zu klären sein, welche fachlichen Kompetenzen ein solcher Gutachter haben muss.

Sehen Sie in Bezug auf ähnlich gelagerte Fälle kurzfristig Handlungsbedarf, zum Beispiel mittels der Einführung eines Kesb-Pikettdienstes an Wochenenden und Feiertagen?

Die Zürcher Regierung wollte diesen Pikettdienst schon immer. Denn wir erachten ihn auch heute noch als notwendig. Ich habe mich damals im Kantonsrat auch persönlich dafür stark gemacht. Doch der Mehrheit des Kantonsrates war dieser Pikettdienst zu teuer. Vor dem Hintergrund dieses tragischen Ereignisses könnte es im Kantonsrat zu einem Sinneswandel kommen, was ich begrüssen würde.

Trotz teils massiver Kritik der Gemeinden an der Kesb wegen mangelnder Mitsprache und zu hoher Kosten zog das kantonale Gemeindeamt als Aufsichtsbehörde erst kürzlich ein positives Fazit. Wie lautet Ihr Urteil?

An der Sozialkonferenz vom letzten November wurde den neuen Behörden trotz sehr hoher Arbeitslast ein gutes Zeugnis ausgestellt. Ich teile diese Meinung. Für die Gemeinden ist es verständlicherweise schwierig, dass sie gemäss neuem Bundesrecht nicht mehr verfahrensbeteiligt sind. Seit dem 1. Januar 2013 gilt das neue eidgenössische Kindes- und Erwachsenenschutzrecht. Die Gemeinden im Kanton Zürich wollten für die Umsetzung eine Gemeindelösung. So haben sie vor zwei Jahren 13 regionale Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden gebildet.

Dann sind also die schutzbedürften Menschen im Kanton Zürich nun besser betreut, wenn Fachleute anstelle von Laienbehörden über sie entscheiden?

Sie sind weiterhin gut betreut. Mehr dazu will ich im Moment nicht sagen.

Wie gross ist der gesetzliche Spielraum für Veränderungen bei der Kesb?

Das Bundesrecht lässt uns praktisch keinen Spielraum.

Würden Sie beim Bund vorstellig werden, falls Sie aufgrund der künftigen Berichte und Gutachten auf einen Systemfehler stossen würden?

Vorerst gilt es, die Berichte abzuwarten und dann werden wir schauen, ob es auf rechtlicher Ebene wirklich Korrekturen braucht. Wenn ja, werden wir unsere Anliegen beim Bund einbringen.