Die Hoteliers im Grossraum Zürich führen einen erbitterten Preiskampf. Der Grund dafür ist hier, wo der Geschäftstourismus ein wichtiges Standbein der Hotel-Branche darstellt, weniger der viel beklagte starke Franken.

Denn die Logiernächte haben seit Anfang Jahr laut Hotellerie Suisse gar um 4,1 Prozent zugenommen. Trotzdem müssen die Hoteliers ihre Dienstleistungen und Zimmer immer günstiger anbieten. Nein, der Preiskampf ist vielmehr hausgemacht. In den letzten Jahren wurden nämlich so viele neue Hotels gebaut, dass ein Überangebot entstanden ist.

Alleine seit 2005 sind laut einer kantonalen Statistik in der Stadt Zürich über 2800 neue Hotelbetten entstanden, in der Region Glattal waren es weitere 1500 Betten.

Die Nachfrage nach Hotelzimmern hinkt dem vorhandenen Angebot daher seit einigen Jahren hinterher. Das zwingt die Hoteliers dazu, ihr Angebot laufend zu verbessern und teilweise auch die Zimmerpreise nach unten zu korrigieren.

«Die vielen neuen Betten dürften den Preiskampf in der Hoteleriebranche generell verstärkt haben», bestätigt Guglielmo Brentel, selbst Hotelier und Präsident von Zürich Tourismus.

Überangebot: In 10 Jahren entstanden über 4300 Betten im Grossraum Zürich.

Überangebot: In 10 Jahren entstanden über 4300 Betten im Grossraum Zürich.

Weitere Hotels kommen dazu

Und noch ist kein Ende des Baubooms abzusehen: Für 2016 ist laut einem Bericht der Zürcher Beratungsfirma Kohl & Partner ein neues 25hours-Hotel beim Zürcher Hauptbahnhof geplant, für 2017 zwei Fünfsternehotels von Hyatt am «The Circle» beim Flughafen Kloten mit voraussichtlich 550 Zimmern und in Spreitenbach plant die Kette Hilton eine Viersternefiliale mit 120 Betten, die 2016 fertiggestellt werden soll.

Im Gegensatz zum Glattal und der Stadt Zürich sank im Zürcher Limmattal das Angebot seit 2005 von 604 auf 561 Betten. Doch sind die Auswirkungen des Hotelbaubooms in der Stadt Zürich auch hier stark, wie Elio Frapolli, Eigentümer des Hotels Sommerau-Ticin, auf Anfrage sagt: «Die Belegung der Betten ist bei uns zwar vergleichbar hoch wie in den vergangenen zehn Jahren. Doch das Preisniveau liegt heute rund 15 Prozent tiefer als noch 2005.»

Vor allem die neu entstandenen Hotels grosser Ketten in Zürich und der Flughafenregion hätten den Preisdruck auch im Limmattal stark erhöht.

In seinem Dreisterne-Superior-Hotel müsste Frapolli nach eigenen Angaben unter der Woche durchschnittlich zwischen 130 und 170 Franken Pro Nacht für ein Einzelzimmer verlangen können, um eine vernünftige Rendite zu erzielen.

Doch solche Preise sind schlicht unrealistisch. «Heute müssen wir sogar am Wochenende ein Einzelzimmer für zwischen 80 und 100 Franken anbieten, um konkurrenzfähig zu sein», sagt der Hotelier.

Vier Sterne zum Preis von dreien

Zusätzlich zum Überangebot haben auch Online-Buchungsplattformen und die damit einhergehende Preistransparenz den Konkurrenzkampf in der Branche verstärkt. Heute bieten viele grosse Viersternehotels ihre Zimmer zu Preisen im Dreisternesegment an, sagt Frapolli.

Dabei zwingen die steigenden Erwartungen der Kunden alle Betreiber laufend zu neuen Investitionen. Koch & Partner sprachen schon 2013 von einem «dynamischen Käufermarkt», der sich in Zürich entwickelt habe, einem Marktumfeld also, in dem nicht die Anbieter, sondern die Konsumenten am längeren Hebel sitzen.

Doch nicht alle Hoteliers werten die gegenwärtige Situation gleich drastisch. Guglielmo Brentel sieht der weiteren Entwicklung in der Zürcher Hotelerie-Landschaft zwar mit Respekt, aber ohne Angst entgegen, wie er sagt.

Brentel, der als Verwaltungsrat der Firma HRMP dereinst das Hilton «Garden Inn» in Spreitenbach betreiben wird und damit derzeit selbst neue Hotelbetten schafft, sieht das aktuelle Überangebot bloss als Phase eines sich stets wiederholenden «Schweinebauch-Zyklus»:

Das Überangebot führt demnach dazu, dass die Hoteliers ihre Dienstleistungen verbessern müssen. Das steigert – in der Theorie – die Nachfrage, was es den Anbietern im Laufe der Zeit ermöglicht, die Zimmerpreise wieder nach oben zu korrigieren.

Standortattraktivität muss steigen

«Solange die Attraktivität des Standorts gegeben ist, hat man als Hotelier immer eine Option, auf schwierige Marktverhältnisse zu reagieren», so Brentel. Er sieht den wichtigsten Erfolgsfaktor für die Hoteliers im Grossraum Zürich daher in der Steigerung der Standortattraktivität: «Die Stadt Zürich verfügt zum Beispiel noch nicht einmal über ein Kongresszentrum von überregionaler Bedeutung. Es ist für den Tourismussektor essenziell, dass die Politik hier ihre Hausaufgaben macht.»

Denn nur so könne sich Zürich als Business-Destination international profilieren, wovon Unternehmen im ganzen Ballungsraum profitieren könnten, sagt der Präsident von Zürich Tourismus.

«Wunschdenken», nennt der Limmattaler Hotelier Frapolli die «Schweinebauch»-Prognosen: «Das Nachfragepotenzial zwischen Zürich-West und Baden müsste gegenüber heute um rund 25 Prozent steigen, damit für alle Hotels akzeptable Belegungszahlen möglich werden.»

Er glaubt vielmehr an eine drohende Flurbereinigung im Gastro-Sektor: Gerade KMUs, die nicht in ihre Infrastruktur investiert haben, werden längerfristig wohl verschwinden, prognostiziert Frapolli. In seinen Familienbetrieb steckte er daher zuletzt eine Million Franken, um den Anforderungen des Dreisterne-Superior-Standards gerecht zu werden.

Hotels in Region kooperieren

Damit die Hotels in der Region sich gegenüber den grossen in der Stadt Zürich behaupten könnten, müssten sie zudem enger zusammenarbeiten, sagt Frapolli. «Eine Absprache könnte ermöglichen, dass wir nicht unter ein gewisses Preisniveau fallen.» So könne man mit Zusatzleistungen und Upgrades für Kunden arbeiten, statt sich mit Preisdumping gegenseitig auszubremsen.

Eine Annäherung machten Frapolli und neun weitere Hoteliers im Limmat- und Furttal, als sie sich nach 2012 im Verein Zurich Area Hotels zusammenschlossen, um dem wachsenden Angebot in der Stadt Zürich die Stirn zu bieten.

Sobald Brentel, der vormals auch Besitzer des Hotels Conti in Dietikon war, mit seinem «Garden Inn» in Spreitenbach in den Markt eintritt, will Frapolli auch mit ihm die Zusammenarbeit suchen, wie er sagt: «Das Miteinander hat uns in der Region bisher weiter gebracht als ein Gegeneinander.» Eine internationale Marke wie Hilton könne das Limmattal im weltweiten Markt generell stärken, was auch für andere Hotels von Vorteil wäre.

Erstaunlich ist, dass sich die Situation der Angestellten trotz des aggressiven Preiskampfs in der Hotellerie laut der Gewerkschaft Unia nicht merklich verschlechtert hat. «Auch von Massenkündigungen haben wir bislang noch nichts gehört», sagt Unia-Sprecher Lorenz Keller.