Eine Enzyklopädie, an der alle mitschreiben dürfen, ob Doktor oder Drechsler – Wikipedia hat als kühne Idee begonnen, heute ist sie das globale Nachschlagewerk schlechthin. Doch, kaum einer beteiligt sich selbst am Mitmach-Lexikon. 16 Jahre nach seiner Gründung sinkt die Zahl der aktiven Autoren kontinuierlich. Die meisten Begriffe seien mittlerweile abgedeckt, die «Nerds» hätten sich neu orientiert, sagt Ulrich Lantermann, Sprecher des Schweizer Wikimedia-Vereins. Vor allem an den Universitäten sollen deshalb neue Autoren gefunden werden.

Eine Gelegenheit dazu bietet der heutige Schweizer Archivtag, an dem landesweit verschiedene Archive ihre Türen öffnen. Unter Leitung des Vereins Schweizerischer Archivarinnen und Archivare veranstaltet etwa die ETH Zürich eine Wikipedia-Schreibwerkstatt.

Ein weiterer Grund für die sinkende Zahl der Autoren ortet Lantermann, der ebenfalls am Archivtag mitwirkt, in der hohen Komplexität beim Erstellen eines Artikels. Denn man müsse viel Bürokratie überwinden.

Viele Vorurteile vorhanden

Lantermann schätzt die Zahl der Wikipedia-Schreiberlinge in der Deutschschweiz auf mehrere Hundert. Mit der Suche nach neuen Autoren an den Universitäten will sein Verein auch Aufklärungsarbeit leisten. Denn hartnäckig hält sich das Klischee, dass Wikipedia nicht als wissenschaftliche Quelle taugt. Lantermann: «Wikipedia ist eine Terziärquelle: Man arbeitet mit Sekundärliteratur und veröffentlicht nichts, was nicht auch in Büchern veröffentlicht wäre.»

Auch Michael Gasser, Leiter Archive der ETH-Bibliothek, stellt fest, dass vor allem im geisteswissenschaftlichen Umfeld die Meinungen zur Online-Enzyklopädie auseinandergehen. Häufig werde bemängelt, dass Artikel zu oberflächlich seien. Auf der anderen Seite zeigten sich Naturwissenschaftler und Ingenieure beeindruckt von der Akribie, mit der die Artikel zu ihren Fachgebieten verfasst werden. Die soziale Kontrolle der Wikipedia-Community leiste hier viel, sagt Lantermann. Sie würde Fehler oder gefälschte Beiträge schnell entdecken. Auch er hat eine mehrere tausend Artikel umfassende «Beobachtungsliste». Für Neulinge sei das Korrigieren und Ergänzen von Artikeln ein guter Einstieg. 

Gasser mischt selbst ab und an bei Wikipedia mit. Er fügt Referenzen auf Sekundärliteratur hinzu, um «die Qualität der Artikel zu verbessern». «Wikipedia ist ein wichtiges Schaufenster, um auf unsere Bestände hinzuweisen», so Gasser. Die zunehmend digital zugänglichen Quellen und Nachweise von Archiven seien als Informationsmaterial für Wikipedia interessant. Über einen institutionellen Account lädt die ETH-Bibliothek beispielsweise Bilder auf Wikimedia Commons herauf. So machte man Fotografien aus dem Nachlass des Schweizer Luftfahrtpioniers und Fotografen Walter Mittelholzer (1894-1937) der Öffentlichkeit online zugänglich.

Vor gut 10 Jahren haben die Archive der ETH-Bibliothek damit angefangen, ihre Altbestände zu digitalisieren. Die grosse Herausforderung besteht laut Gasser darin, die von Anfang an elektronisch angelegten Unterlagen zu verwalten. «Papier aufzubewahren ist einfacher, als digitale Daten auf lange Zeit zu sichern», konstatiert er. Der heutige Tag soll zeigen, dass sich Archive «zentral» mit der digitalen Welt und moderner Wissensvermittlung beschäftigen. Denn während Wikipedia der Bezug zu papiernen Quellen abgesprochen werde, hafte an Archiven oft die Vorstellung, dass sie «nur Papier lagern».