Als Ernst Christen gestern die Geschichte über den streunenden Panther im Kanton Solothurn las, fühlte er sich in seine Kindheit zurückversetzt. 1933 war es, als aus dem Zoo Zürich ein Panther ausbrach und – laut Christen – wochen- wenn nicht monatelang durch die Ostschweiz zog. Aus der Kindheit erinnert sich Christen noch an die Massenhysterie jener Tage – und dass die Raubkatze Gesprächsthema Nummer eins war.

Erst über 20 Jahre später erfuhr er jedoch die pikanten Details hinter der Geschichte – vom damaligen Zoo-Wärter Max Lee, mit dem der heute im Wetziker Alterswohnheim lebende Ernst Christen ab 1955 im Zoo Zürich zusammenarbeitete. «Lee war für die Raubtiere zuständig», erinnert er sich, «und war verantwortlich für den Panther, der damals ausgebrochen war.»

Über die Hintergründe des Ausbruchs sei bis heute nichts bekannt. «Es wurden keine Spuren und kein Loch im Gehege gefunden», erzählt Christen. Vielleicht liess ihn jemand frei – doch das ist nur Mutmassung. Auf jeden Fall wurde das Tier am Ende seiner streunenden Reise getötet.

Ein Wilderer erschoss das Tier

Christen erzählt: «Am helllichten Tag sassen zwei Wilderer auf einer Wiese am Waldrand auf der Lauer, um Wildtiere zu erwischen.» Plötzlich hätten die beiden ein schwarzes Vieh durch das hohe Gras schleichen sehen. «Es steuerte direkt auf eine Scheune zu, schlüpfte durch ein Lüftungsloch ins Innere des Schuppens.» Die Wilderer hätten sich ebenfalls zur Scheune geschlichen, die Türe geöffnet und ein Brett aus dem Boden gelöst – als Schutz. «Dann sahen sie zwei Augen in der Dunkelheit glänzen. Einer der beiden schoss das Tier kurzerhand nieder.»

Da die beiden noch nie einen Panther gesehen und deshalb keine Ahnung hatten, was genau sie in der Scheune erlegt hatten, nahmen sie die schwarze Riesenkatze aus, um sie zu essen. «Der Panther wurde verwurstet», weiss Christen. Was genau mit den Würsten geschah, von wem sie verspeist wurden und wie sie schmeckten, ist ihm allerdings nicht bekannt.

Mitten im Zoo Zürich gewohnt

Christen sagt aber, dass er selbst das Tier sofort hätte zuordnen können. «Auch im Solothurner Fall bin ich anhand der Beschreibungen überzeugt, dass es sich um einen echten Panther handelt», erzählt er. Der ehemalige Zoowärter war zwar selber nie für die Raubtiere zuständig, lebte allerdings während zwölf Jahren in einem alten Bauernhaus mitten im Zoo Zürich – in den 50er- und 60er- Jahren. Seine drei Töchter wuchsen faktisch im Zoo auf.

Beim Jassen aufgeflogen

Doch zurück zum entlaufenen Panther von 1933. Während ihm ein wenig glückliches Schicksal beschieden war, konnten sich die Wilderer nicht beklagen. Sie begriffen schon bald, welches Tier sie erlegt hatten. Das Geheimnis wollten sie aber für sich behalten, da Wilderei illegal ist. «Doch die beiden jassten und tranken gerne», weiss Christen. «So begannen sie sich eines Abends beim Spiel zu streiten und der eine sagte dem andern, er solle aufpassen, sonst werde er das Geheimnis lüften.» Der Wirt habe sofort seine Ohren gespitzt und sei so auf die Geschichte des erschossenen Panthers gestossen.

Erst Busse, dann Belohnung

Das brachte den beiden Männern zwar eine Busse fürs Wildern ein. Allerdings war auf den Panther – was sie nicht gewusst hatten – eine saftige Belohnung von 1000 Franken ausgeschrieben. «Das entsprach damals mehreren Monatslöhnen», sagt Christen. «Auf der Ausschreibung stand auch ‹tot oder lebendig›. Damit stand den Wilderern also das Geld zu.»