Ist das Werk überhaupt echt? Die Frage tauchte immer wieder auf, und an der Verhandlung am O blieb sie bis zum Schluss unbeantwortet. Mal war von einem Aquarell von Wassily Kandinsky die Rede, mal lediglich von einem Nachdruck eines Bildes des russischen Künstlers, dann sogar von einer Fälschung. Fest steht, dass das Kunstwerk verschwunden war, nachdem sich ein älteres Ehepaar in seinem Zolliker Wohnhaus für den Freitod entschieden hatte und von der Tochter aufgefunden worden war. Weg war auch eine Million Franken, welche die Eheleute kurz vor ihrem Ableben in ihren Tresor gelegt hatten.

Der Verdacht fiel auf die Tochter. Bei einer Hausdurchsuchung stiess die Polizei auf den Kandinsky, das Geld hingegen ist bis heute verschollen. Die Erstinstanz, das Bezirksgericht Meilen, verurteilte die heute 63-Jährige nur für den Diebstahl des Bildes. Es verhängte eine bedingte Geldstrafe von 360 Tagessätzen zu 500 Franken, also 180'000 Franken. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten gefordert, zwölf davon unbedingt.

Familientreffen vor Gericht

Mit dem Urteil war keine Seite zufrieden. Die Brüder, die sich von der Schwester um ihr gemeinsames Erbe gebracht sahen und als Kläger auftraten, zogen es an die nächste Instanz weiter. Auch die Verurteilte legte Berufung ein – sie wollte einen kompletten Freispruch. So kam es vergangene Woche am Obergericht erneut zu einem Familientreffen, worüber sich aber keines der Geschwister richtig freuen mochte.

Verdächtige Geldflüsse

Die Oberrichter hatten die schwierige Aufgabe, die Geschehnisse, die sich vor acht Jahren ereigneten, zu rekonstruieren. Alles hatte damit begonnen, dass die Tochter ihre Mutter zur Bank begleitete, um die Million Franken abzuheben. Den Auftrag dazu soll der schwerkranke Vater erteilt haben. Gemäss der Beschuldigten hatte er vor, seine Enkel zu begünstigen. Gemeinsam mit der Tochter deponierten die Eltern das Geld in ihrem Tresor. Eine Woche später waren sie tot – und der Tresor leer. Die Staatsanwaltschaft eröffnete daraufhin eine Untersuchung, ob die Eltern wirklich ohne Dritteinwirkung gestorben waren. Sie wurde wieder eingestellt.

Beschuldigte ist Juristin

Allerdings wurden die Strafuntersuchungsbehörden wegen der Geldflüsse auf den Bankkonten der Tochter aktiv. Kurz bevor diese mit ihrer Mutter die Million vom Konto ihrer Eltern abgehoben hatte, hatte sie dem Vater mehr als 800'000 Franken überwiesen. Gemäss eigenen Aussagen handelte es sich dabei um den noch ausstehenden Betrag, den sie ihren Eltern schuldete, nachdem sie deren Haus gekauft hatte. Dann, einige Monate nach dem Doppelsuizid der Eltern und dem Verschwinden der Million, zahlte die Beschuldigte mehrere Hunderttausend Franken auf ihre eigenen Konten ein. Das Geld, behauptete die Juristin später, stamme vom Verkauf ihrer Firma, deren Erlös sie bar erhalten haben will.

Die Staatsanwaltschaft und die Brüder hingegen vermuten, dass die gewiefte Geschäftsfrau mit diesem simplen Trick das entwendete Geld waschen wollte. «Die Geldflüsse sind verwirrend», sagte der Anwalt der Brüder. «Es liegt auf der Hand, dass sie die Herkunft ihrer Finanzen vernebeln wollte.» Der angebliche Erlös aus dem Firmenverkauf sei eine Erfindung. «Sie suchte fieberhaft nach einer Geschichte, die ihren plötzlichen Vermögenszuwachs erklärt.»

«Notorische Lügnerin»

Dass die Beschuldigte eine «notorische Lügnerin» sei, habe sich während der Strafuntersuchung immer wieder gezeigt, sagte der Anwalt. Bezüglich des verschwundenen Kandinsky habe sie etwa zunächst gesagt, sie wisse nichts über dessen Verbleib. Als die Polizei das Bild dann bei ihr sicherstellte, behauptete sie, das Werk sei an eine Ausstellung in Bern ausgeliehen gewesen und danach an sie zurückgegeben worden. Noch später will sie es in der Sauna im elterlichen Haus gefunden haben, in dem sie heute wohnt. Bei dieser Version blieb sie auch vor dem Obergericht.

Keiner wollte Bild begutachten

Der Makel an dieser Darstellung: Nach dem Tod der Eltern hatte ein renommierter Liquidator das Haus komplett geräumt. Er habe das Bild wohl übersehen, mutmasste die Beschuldigte vor Gericht. Zu ihrer ersten Behauptung, das Bild sei an eine Ausstellung ausgeliehen gewesen, sagte sie: «Ich habe der Polizei damals einfach irgendetwas gesagt. Das war ein Blödsinn. Die Emotionen haben mitgespielt.»

Gleichzeitig versuchten sie und ihr Anwalt, die Bedeutung des Bildes herunterzuspielen. Es habe lediglich einen emotionalen Wert, sagte sie. «Es war einer der Russen in der Sammlung meines Vaters, bei dem der Verdacht aufkam, er sei nicht echt.» Ihr Anwalt sagt es noch deutlicher: «Das Bild ist nichts wert.» Es ist mit 150'000 Franken versichert.

Die Diskussion über den Wert ist deshalb von Belang, weil sich dieser auch auf das Strafmass auswirkt. Das Bezirksgericht Meilen hatte deshalb versucht, die Echtheit des Bildes zu überprüfen. Seine Suche nach einem Experten war aber erfolglos geblieben. Denn das einst für Kandinsky-Werke zuständige Expertenkomitee Société Kandinsky hat sich 2014 aufgelöst. Andere angefragte Kunstexperten sahen sich ausser Stande, ein Gutachten vorzunehmen.

Und was sagt die Beschuldigte zur verschwundenen Million? Sie gab beharrlich zu Protokoll, sie wisse nichts darüber. Vielleicht habe ihr Vater das Geld vor seinem Tod irgendjemandem verschenkt oder verschwinden lassen, um den Kindern zu schaden.

Beschuldigte muss nichts zahlen

Das Obergericht hat die Frau schliesslich wegen des Kandinsky-Diebstahls schuldig gesprochen. Dies geht aus dem gestern Montag bekannt gegebenen Urteil hervor. Freigesprochen hat das Gericht die Beschuldigte vom Vorwurf des Diebstahls der Million, des Betrugs und der Geldwäscherei. Das Obergericht ist somit der Vorinstanz gefolgt, allerdings schwächte es die bedingte Geldstrafe leicht ab auf 360 Tagessätze zu 300 Franken statt zu 500 Franken. Bezahlen muss die Verurteilte die Strafe nur, wenn sie sich in den nächsten zwei Jahren etwas zuschulden kommen lässt. Hingegen muss sie einen Teil der Verfahrenskosten auf sich nehmen. Das Begehren der Brüder auf Schadenersatz wiederum verwiesen die Richter auf den Zivilweg.