Schweiz am Wochenende: Herr Scholl, Tausende junge Familien sind vom Eigenheimmarkt ausgeschlossen, weil sie die Tragbarkeitsregeln nicht erfüllen. Ist das fair?

Martin Scholl: Dieses Thema hat nichts mit jungen Familien zu tun, sondern ist primär ein Schweiz typisches. Wir hatten schon immer eine tiefe Eigentumsquote. Daran sind jedoch die Tragbarkeitsrichtlinien nicht schuld.

Sondern?

Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, vor allem strukturelle. Stockwerkeigentum gibt es in der Schweiz erst seit 1965. Im Wallis, wo es diese Eigentumsform schon viel länger gibt, liegt die Wohneigentumsquote mit fast 70 Prozent deutlich über dem schweizweiten Durchschnitt von etwas unter 40 Prozent. Zweitens ist der liberale Mietwohnungsmarkt in der Schweiz attraktiv. Es hat durchaus Vorteile Mieter zu sein. Zudem ist ein Eigenheim in der Schweiz teuer, weil wir wenig Platz haben und eine hohe Bevölkerungsdichte. Und viertens leben viele Ausländer mit einer sehr tiefen Eigentumsquote in der Schweiz. Das führt in der Summe dazu, dass schon immer rund 60 Prozent der Bevölkerung vom Eigenheimmarkt ausgeschlossen waren. Und das hat nichts mit Tragbarkeit zu tun.

Aber der Unterschied zwischen dem Marktzins und den geforderten fünf Prozent ist so gross wie noch nie.

Ja, aber das wird nicht ewig so bleiben. Das gegenwärtige Zinsniveau stellt eine Anormalität dar. Wir dürfen dies als Bank aus Risikogründen nicht ausblenden. Auch junge Familien wären schlecht beraten, das nicht zu berücksichtigen.

Aber die Tiefzinsphase dauert jetzt schon seit Jahren an.

Ja, das stimmt. Die Tragbarkeitsvorschriften gelten ja auch nicht absolut. Bereits heute können wir als Bank im Rahmen der Selbstregulierung Hypotheken an Kunden vergeben, die die Tragbarkeitsregeln nicht vollumfänglich erfüllen. Dies müssen aber selbstverständlich Ausnahmen bleiben. Problematisch fände ich es erst, wenn der Regulator den Banken diese Flexibilität nehmen und starre Regeln implementieren würde.

Wie beurteilen Sie den Markt für Mietwohnungen als Renditeobjekte. Funktioniert er noch?

Da habe ich meine Zweifel. Zwei Entwicklungen sind problematisch. So stagnieren bzw. sinken die Mieterträge, während die Liegenschaftspreise weiter steigen. Ferner wird immer noch viel gebaut und die Nachfrage ist eher rückläufig, da auch die Zuwanderung abnimmt. Aus meiner Sicht besteht Potenzial für ein Ungleichgewicht.

Ist das ein Problem für die Banken?

Nicht zwingend. Je nach Beurteilung der Liegenschaft und Gesamtsituation verlangen wir mehr oder weniger Eigenkapital. Professionelle Investoren wie Pensionskassen müssen selbst entscheiden, ob es sich rechnet, eine Liegenschaft mit minimaler Rendite zu kaufen.

Kantonalbanken haben ein sehr erfolgreiches Jahr hinter sich. Da fragt man sich, warum sich Ihre Branche so stark über Negativzinsen beklagt.

Erst einmal ist es ja positiv, dass die Banken trotz Negativzinsen Geld verdienen. Würden wir das nicht, könnten wir auch keine Kredite vergeben. Klar, würden wir uns über eine Normalisierung des Zinsniveaus nicht beklagen.

Wenn nicht die Banken, wer zahlt dann die Negativzinsen?

Der Preis bezahlt jeder von uns. Die Folgen der Negativzinsen sind zwar nicht unmittelbar spürbar, aber betroffen sind breite Bevölkerungsschichten, die künftig mit tieferen Umwandungssätzen bzw. Renten zurechtkommen müssen. Zur Kasse kommen auch die Sparer, die auf ihren Einlagen keinen Zins mehr bekommen.

Lohnen sich die Negativzinsen in der Endabrechnung?

Das lässt sich nicht feststellen, da wir nicht wissen, wo wir ohne Negativzinsen stehen würden. Was ich beobachte ist, dass die Unternehmen die Herausforderungen relativ gut meistern. Aber die volkswirtschaftliche Gesamtabrechnung haben wir nicht.

Wie lange bleiben die Zinsen tief?

Wir glauben, dass das Zinsniveau noch mehrere Jahre tief bleiben wird.

Die Glarner Kantonalbank hat Ihnen zuletzt die Show gestohlen, etwa mit einem Hypomat, also online Hypotheken – stört Sie das?

Nein, im Gegenteil, wir sind stolz darauf. Das sind viele ehemalige ZKBler, die dort gute Arbeit machen. Zudem sind die Volumina auf solchen Plattformen im Verhältnis zum gesamten Hypothekarmarkt sehr gering. Es mag sein, dass wir ab und an eine Hypothek an den Hypomat verlieren. Gleichzeitig schliessen wir jedes Jahr einige Milliarden an neuen Hypotheken ab.

Die Credit Suisse hat sich grosse Ziele für die Schweiz gesetzt. Hat sich das erledigt mit der Absage des Börsengangs des Schweizer Geschäfts?

Die Ziele waren für mich nie plausibel, was ich auch nie verheimlicht habe. Was ich feststelle: Manchmal geben sie Gas, manchmal bremsen sie. Das kennen wir. Wir konzentrieren uns auf unsere Kunden und unser Geschäft. Wir sind in jedem Segment im Wirtschaftsraum Zürich die Nummer eins. Und das soll so bleiben.

Sie verlieren keine Marktanteile?

Nein. Was wir spüren, ist, dass neue Akteure wie Versicherungen und Pensionskassen ins Hypothekargeschäft drängen. An diese müssen wir ab und zu ein Geschäft abgeben. Das freut uns nicht – aber es gehört zu dieser Tiefzinsphase. Sobald es wieder Bundesobligationen zu 3 Prozent gibt, werden sich die Versicherungen wieder aus dem Geschäft zurückziehen. Bis es so weit ist, kann es aber noch vier oder fünf Jahre dauern.

Wie kommen Sie mit Ihrer Seilbahn über den Zürichsee voran?

Es ist ein demokratischer und rechtsstaatlicher Prozess, der seine Zeit dauert und das ist gut so. Wenn wir eine Bewilligung bekommen, so wird das frühestens 2019 sein. Wir nehmen hier eine Pionierrolle ein, denn in der Schweiz wurde noch nie eine Seilbahn in einer Stadt gebaut. Deshalb muss jede Frage, zum ersten Mal beantwortet werden. So muss unter anderem geprüft werden, ob die Seilbahn sich mit der Umwelt verträgt. Dafür müssen etwa Taucher feststellen, was im See wo wächst und wie sich die Seilbahn darauf auswirken würde.

Sie glauben noch an das Projekt?

Natürlich. Wir glauben daran und treiben es mit Elan voran.

Müsste es mehr solche Projekte geben, die eigentlich unnütz sind, aber Freude machen?

Die «Züribahn» ist keineswegs unnütz. Sie wird entscheidend zur Attraktivität von Zürich als Tourismusdestination beitragen und kann helfen, Antworten auf den verkehrspolitischen Beitrag von Seilbahnen im urbanen Raum zu liefern.

Aber zwingend ist sie nicht.

Nein, sie löst kein aktuelles Verkehrsproblem in Zürich. Aber sie ist eine Attraktion und Vision.

Traditionelle Detailhändler leiden, wie sie aus Kreditgeschäft sehr gut wissen. Wie weit geht das noch?

Der Detailhandel hat es schwer. Wenn man sieht, wie viele Verkaufsflächen in Schweizer Vororten mit kleinem Einzugsgebiet erstellt wurden, dann muss man sich schon fragen, ob es diese heutzutage noch braucht.

Wie viel weniger Detailhandelsfläche glauben Sie wird es in vielleicht zehn Jahren in der Schweiz geben?

20 bis 30 Prozent der heutigen Fläche wird es nicht mehr brauchen. Und dieser Wandel wird Folgen haben, denn eine Umnutzung ist nicht so einfach. Bowling-Hallen oder Billard-Säle hat es in der Schweiz genug. Die Städte und Gemeinden müssen für diese Herausforderungen kreative Lösungen finden und sich anpassen.

Bedauern Sie diesen gewaltigen Wandel in den Städten?