Herr Müller*, haben Sie in letzter Zeit Rhetorikkurse belegt?


Jörg Müller-Ganz: Nein.

Ich frage, weil Sie viel zu erklären haben: Der von Ihnen präsidierte ZKB-Bankrat hat beim Kantonsrat höhere Entschädigungen beantragt, zudem eine Erhöhung des Dotationskapitals um zwei Milliarden Franken sowie Expansionsmöglichkeiten über die Kantonsgrenzen hinaus. Das sind unpopuläre Forderungen, die allenfalls noch vors Volk kommen. Was steckt dahinter?

Müller-Ganz: Wir müssen das Kantonalbankgesetz auf den neusten Stand bringen, weil sich seit der letzten Anpassung 1998 sehr viel getan hat: Bundesrecht und internationale Regulierungsvorschriften haben sich geändert. Zudem hat die Finanzmarktaufsicht Finma die Eigenkapitalanforderungen erhöht.

Die Finma fordert ab 2016 eine Eigenkapitalquote von 13,6 Prozent. Schon heute übertrifft die ZKB diese Quote. Warum braucht dann die ZKB zwei Milliarden Franken zusätzliches Dotationskapital?

Der Grund ist nicht, dass wir zu wenig Kapital hätten. Vom Dotationskapitalrahmen von 2,5 Milliarden Franken, den der Kantonsrat 1994 bewilligt hat, haben wir erst 1,925 Milliarden bezogen. Wir sind sehr stark kapitalisiert. Wir wollen unsere Bank aber für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre fit machen. Unter dem Eindruck der internationalen Finanzkrise wurde die Messlatte für Eigenkapital im Fall der Zürcher Kantonalbank von 9,6 Prozent auf 13,6 Prozent erhöht. Wir hatten am 1. Januar dieses Jahres 14,7 Prozent. Um es mit einem Beispiel aus dem Sport zu erläutern: Früher lag die Messlatte im Hochsprung bei 1,5 Metern und wir sind über 2 Meter gesprungen. Jetzt liegt die Messlatte bei 2 Metern, und wir möchten nicht nur knapp darüberschrammen, sondern wieder 50 Zentimeter Reserve haben.

Wozu braucht es diese Reserven?

Das Bankgeschäft ist grundsätzlich ein Risikogeschäft. Da kann man auch einmal Geld verlieren. Wenn wir die Eigenkapitalquote von 13,6 Prozent unterschreiten, kämen wir unter Vormundschaft der Finma. In diesem Fall führte nicht mehr der Bankrat – sprich: der Verwaltungsrat – die Bank. Die Finma könnte zum Beispiel verfügen, dass wir an Kanton und Gemeinden keine Ausschüttungen mehr machen dürfen. Oder sie kann in die Lohnpolitik der Bank eingreifen. Weil wir den unternehmerischen Handlungsspielraum behalten wollen, benötigen wir Reserven.

Zu reden gibt auch die beantragte Erhöhung der Bankrats-Entschädigungen. Sie sollen demnach künftig 471 600 statt 356 650 Franken Jahreslohn erhalten, die beiden Vizepräsidenten 430 000 statt 325 000 Franken. Warum sollen Sie künftig deutlich mehr verdienen als die Mitglieder der Kantonsregierung?

Die Gehälter des Bankrats sind seit 1994 im Grundsatz unverändert geblieben. Seither gab es eine beachtliche Inflation. Und die Verantwortung, Aufgaben und Kompetenzen des Bankrats haben sich seitdem stark verändert. Zudem hat der Arbeitsaufwand deutlich zugenommen. Vor diesem Hintergrund liessen wir unsere Entschädigungen in zwei externen Studien mit jenen von 30 zumeist kleineren Banken vergleichen. Dabei kam heraus, dass die durchschnittlichen Entschädigungen für Mitglieder des obersten Aufsichtsorgans deutlich höher sind als bei uns. Wir müssen auch in den nächsten 20 Jahren die Möglichkeit haben, gut qualifizierte Leute aus dem Finanzbereich zu rekrutieren.

Aber ist es geschickt, kurz nach der Annahme der Abzockerinitiative so eine Erhöhung zu beantragen?

Wir sind weit entfernt von dem, was die Gesellschaft heute zu Recht als zu hohe Entschädigungen kritisiert, wie sie bei gewissen Banken und Pharmaindustrieunternehmen vorkommen. Selbst mit der beantragten Entschädigungserhöhung würden wir die 1:12-Initiative problemlos erfüllen.

Sie beantragen auch, dass die ZKB künftig in anderen Kantonen und im Ausland Zweigstellen haben darf. Warum?

Bereits nach dem heutigen Kantonalbankgesetz darf die Zürcher Kantonalbank nationale und internationale Geschäftsaktivitäten wahrnehmen und auch rechtlich selbstständige Tochtergesellschaften gründen, sofern sie dadurch keine übermässigen Risiken eingeht. Durch die zusätzliche Möglichkeit, ausserhalb der Kantonsgrenzen auch rechtlich unselbstständige Zweigniederlassungen zu etablieren, würde der Grundgedanke einer geografischen Risikodiversifikation gesetzlich sauber verankert. An unserer Geschäftspraxis würde dies nichts ändern. Wir sind und bleiben die Bank für die Zürcherinnen und Zürcher.

Weshalb braucht es dann die Erweiterung?

Wenn ein Finanzinstitut zum Verkauf steht, gibt es die Option, dass irgendeine chinesische Bank als Käuferin auftritt – oder ein Institut wie wir. Damit hätten wir dann allenfalls auch eine Zweigniederlassung ausserhalb des Kantons Zürich. Diesen Konsolidierungsprozess möchte die Zürcher Kantonalbank nicht nur von der Zuschauertribüne aus mitverfolgen, sondern allenfalls auch mitgestalten.

Ist die Kantonalbank überhaupt noch ein zeitgemässes Konstrukt?

Vor fünf Jahren hätten Sie diese Frage so nicht gestellt. Damals waren die Grossbanken nicht mehr in der Lage, Unternehmen mit Krediten zu versorgen. Die Kantonalbanken sprangen ein – und trugen wesentlich zur Stabilisierung des Finanzplatzes Schweiz bei. Sie leisten auch heute noch einen wichtigen Beitrag zur Stabilität des Werk- und Arbeitsplatzes.

Die ZKB ist die dritte Kraft am Schweizer Bankenplatz. Soll sie sich in Zukunft noch mehr an den Grossbanken orientieren?

CS und UBS sind global vernetzte Universalbanken. Der Markt der ZKB ist und bleibt primär der Wirtschaftsraum Zürich.

Wie wichtig sind Kunden aus dem Ausland, die ihr Geld vor dem heimischen Fiskus verstecken wollen, für die ZKB?

Die ZKB hat sich als eine der ersten Schweizer Banken bereits 2009 zu einer Weissgeldstrategie bekannt. Die setzen wir konsequent um.

Wie viele Kundenbeziehungen mussten infolgedessen aufgelöst werden?

Wir sind daran, unser Kundenportfolio zu bereinigen. In absehbarer Zeit werden alle bei uns verwalteten Vermögen steuerkonform sein.