Saisonstart
Zirkus Chnopf bringt die Jugend auf Touren

Für vier Jugendliche beginnt ein grosses Abenteuer: Mit dem Zirkus Chnopf touren sie ab heute einen Sommer lang durch die Nordwestschweiz. Ein Blick hinter die Kulissen vor dem Start in Zürich.

Matthias Scharrer
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Artistin Aileen Mazenauer in Wohnwagen, den sie mit den drei weiteren Zirkus-Volontärinnen teilt. (Mario Heller)
13 Bilder
Die jugendlichenArtistinnen Julia Daschinger, Magdalena Kälin und Aileen Mazenauer (von links) im Küchenwagen. (Foto Mario Heller)
Die Wagen der Zirkusleute stehen dicht gedrängt hinter der Roten Fabrik (Foto Mario Heller)
Beim Zähneputzen. (Foto Mario Heller)
Der Container auf dem Lastwagen enthält ein Schlagzeug und ist auch eine Tanzfläche. (Foto Mario Heller)
Blick in den Backstagebereich im blauen Lastwagen-Anhänger. (Foto Mario Heller)
Am Tag vor der Premiere wird noch am neuen Souvenirshop gefeilt. (Foto Mario Heller)
Am Steuer im alten Truck sitzt Konrad Utzinger, Gesamtleiter des Zirkus Chnopf. Vorne in roter Jacke Matthias Schoch, der künstlerische Leiter. (Foto Mario Heller)
Artistin Alda Otter beim Frühstück. (Foto Mario Heller)
Die Aussicht ist beneidenswert Der Zirkus Chnopf gastiert direkt am See hinter der Roten Fabrik. (Foto Mario Heller)
Mit Wäscheklammern lassen sich im Küchenwagen Besitzansprüche markieren. (Foto Mario Heller)
Zirkus Chnopf
Der Tourneeplan enthält auch mal freie Tage. (Foto Mario Heller)

Artistin Aileen Mazenauer in Wohnwagen, den sie mit den drei weiteren Zirkus-Volontärinnen teilt. (Mario Heller)

Mario Heller

Magdalena Kälin (19) sitzt im Wohnwagen, heftet kleine Bändel mit der Aufschrift «Zirkus Chnopf» an Stofftaschen und legt diese fein säuberlich auf einen Stapel. «Für den Souvenirshop», sagt sie. Draussen regnet es. Die Proben, die ab 10 Uhr angesetzt wären, fallen damit flach. Denn der Zirkus Chnopf ist ein Freilichtzirkus, ohne Zelt. Für die Zirkuscrew, die aus vier Jugendlichen und einem guten Dutzend erfahrener Theater- und Zirkusleute sowie Musikern besteht, beginnt der Tag daher geruhsam. Nach und nach trudeln sie zum Frühstück im Küchenwagen ein.

Für Magdalena ist es das erste Mal, dass sie in einem Zirkus mitwirkt. Sie kommt vom Kunstturnen her. Nun wird sie für drei Monate als Luftakrobatin im Trapez-Rahmen und am Vertikalseil auftreten. Die Tour wird sie von Zürich aus quer durch die Nordwestschweiz bis in den Jura führen. Und dann, zum Saisonabschluss, wieder nach Zürich, ins Winterquartier des Zirkus Chnopf. Es liegt auf dem Koch-Areal, das die Zirkusleute als Mieter der Stadt Zürich mit Hausbesetzern teilen.

Tourdaten in der Nordwestschweiz

Der Zirkus Chnopf hat heute auf dem Areal der Roten Fabrik in Zürich Premiere (19.30 Uhr) und bleibt dort bis 19. Juni. Weitere Tourdaten: Solothurn, Kreuzackerplatz (29. Juni bis 3. Juli); Basel, Station Circus, Dreispitz (6. bis 10. Juli); Bern, Warmbächlibrache (17. bis 21. August); Olten, Schützi (24. bis 28. August); Uster, Stadtpark (31. August bis 4. September); Zürich, Josefwiese (7. bis 11. September); Zürich, Kochareal (14. bis 18. September).

Vor wenigen Tagen hat sich der Zirkus Chnopf hinter der Roten Fabrik direkt am See installiert. Hier beginnt die Tournee. «Es ist eine eigene Welt. Wir trainieren und leben auf engem Raum zusammen. Wir sind vier Jugendliche, die sich einen Wohnwagen teilen», sagt Magdalena. Die Zirkustournee ist für sie der Abschluss eines Zwischenjahrs nach der Matur, bevor sie im Herbst an der Uni Zürich ihr Psychologiestudium beginnt. «Die Kombination von Sport und Musik im Zirkus ist toll», sagt die 19-Jährige.

Das Angebot des 1990 gegründeten Zirkus Chnopf, der Jugendliche für eine Ausbildungs-, Kost- und Logis-Gebühr von 3000 Franken zusammen mit Profis auf Tournee mitnimmt, füllt eine Lücke, wie der künstlerische Leiter Matthias Schoch erklärt: «Es gibt zwar viele Zirkus-Angebote für Kinder. Mit 14 oder 15 Jahren hört es dann aber meistens auf.» Artistenschulen seien in der Schweiz Mangelware, abgesehen von jener des legendären Clowns Dimitri. Der Zirkus Chnopf diene daher Jugendlichen aus der Schweiz immer wieder auch als Sprungbrett, um an Artistenschulen im Ausland zu kommen. Speziell sei zudem, dass das Ensemble seine Produktionen, in denen Zirkus auf Theater, Slapstick und Musical trifft, in monatelanger Teamarbeit gemeinsam entwickle. Je nach Fähigkeiten, die die Jugendlichen und die Ensemblemitglieder mitbringen, ergeben sich so andere Produktionen.

Steptanz in einem neuen Umfeld

Diesmal ist mit Aileen Mazenauer (16) die mehrfache Schweizer Juniorenmeisterin im Steptanz dabei. «Ich wollte mal in einem neuen Umfeld steppen», sagt die Seuzacherin, während Regen von der Plane über dem Vorplatz des Küchenwagens rinnt. In der neuen Chnopf-Produktion «Du da da ich» steppt sie auf einem Container, der auf einem Lastwagen am Bühnenrand montiert ist – und in dem sich ein Schlagzeug verbirgt, mit dem ihre Füsse ein Duett beginnen.

Aileen führt uns in den Anhänger, den sie nun als Schlafgemach für drei Monate mit Magdalena, Julia (14) und Alda (19) teilt. «Es ist wie in einer Riesen-Wohngemeinschaft», sagt sie über das Leben im Zirkustross. «Das kann mega cool sein.» Kann? Natürlich habe man hin und wieder das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Aber das lasse sich einrichten, versichert sie, ehe sie sich zurückzieht, um eine Biologie-Prüfung zu schreiben. Für die Zirkussaison konnte sie sich ein halbes Jahr lang vom Gymnasium dispensieren lassen. Doch den Schulstoff holen die jugendlichen Zirkusleute, sofern sie noch zur Schule gehen, während der Tournee nach, so gut es geht.

Dass dies mit der nötigen Einsatzbereitschaft funktioniert, hat Alda Otter (19) letztes Jahr bewiesen. Damals ging sie zum ersten mal mit dem Zirkus Chnopf auf Tournee – und bereitete sich gleichzeitig auf die Matur vor, die sie dann auch bestand. «Es war heftig», sagt sie rückblickend. «Aber ich würde es jederzeit wieder machen. Es war bis jetzt die beste Zeit meines Lebens.»

Alda machte schon als kleines Kind im Kinderzirkus mit, «so wie andere im Tischtennisklub». Nach der Matur überlegte sie, welche Richtung sie einschlagen sollte – und kam zum Schluss: «Jetzt will ich genau das wieder machen, und zwar viel intensiver.» Sie bewarb sich für mehrere Zirkusschulen – und wurde angenommen. «Am 1. Oktober fange ich in Berlin an», sagt Alda, nimmt einen Löffel Müesli und strahlt.

Den Traum vom Zirkusleben hegt auch Julia Daschinger schon länger. Mit 14 Jahren ist die Bernerin die jüngste der vier Jugendlichen im aktuellen Chnopf-Ensemble. Nun wird ihr Traum Realität, zumindest für eine Saison. Dass dazu auch Ämtli wie Abwaschen und Putzen gehören, sieht sie positiv: «So kann ich mich gleich daran gewöhnen, selbstständig zu werden.» Ihr Fazit über das gerade begonnene Zirkusleben: «Es gefällt mir mega, obwohl es auch anstrengend ist mit den vielen Proben. Ich bin froh, dass jetzt die Tournee anfängt.»