Zürich

Zerbrochene Lebensträume: Wenn die Gewalt während der Schwangerschaft beginnt

Die Anzahl Fälle Häuslicher Gewalt stieg in diesem Jahr: Beratungsstellen haben teils einen Drittel mehr Anfragen.

Die Anzahl Fälle Häuslicher Gewalt stieg in diesem Jahr: Beratungsstellen haben teils einen Drittel mehr Anfragen.

In der Zürcher Beratungsstelle für Frauen (BIF) finden von Gewalt betroffene Mütter Hilfe. Das Team begleitet momentan einen Drittel mehr Fälle als letztes Jahr.

Schweizweit finden zurzeit die „16 Tage gegen Gewalt an Frauen*“ statt. Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf dem Thema: Gewalt und Mutterschaft. «Viele verdrängen dieses Thema, weil es auch so schrecklich tönt», sagt Pia Allemann. Sie ist Co-Leiterin der Beratungsstelle für Frauen (BIF) in Zürich. Da statistisch gesehen die häusliche Gewalt an Frauen zwischen 25-45 Jahren am höchsten ist, sei das Thema der Gewalt an Frauen im gebärfähigen Alter aber besonders wichtig - so grausam es auch töne.

Allemann erzählt: Er war 31 sie 27 Jahre alt und schwanger mit dem ersten Kind. Es war das Wunschkind des Schweizer Paares. Während der Schwangerschaft heirateten sie. Doch er distanzierte sich immer mehr von ihr. Als sie ihn zur Rede stellte, beleidigte er sie und schlug sie später heftig in den Bauch.

Allemann hört viele Geschichten von Müttern, deren Glück auf dem scheinbaren Höhenpunkt, der Familiengründung zerplatzt. «Es fällt auf, dass viele Mütter sagen, die häusliche Gewalt habe während der Schwangerschaft angefangen», sagt Allemann. Offensichtlich begünstigen Umbrüche in der Biografie, die Gewalt in der Partnerschaft. Dies sei besonders für Männer, die eine symbiotische Beziehung eingehen und ihre Partnerin isolieren, schwierig. Während der Schwangerschaft merken sie, dass der Fokus nicht mehr auf ihnen liegt, sondern sich nun vieles um das kleine Wesen dreht.

Auch nach der Geburt wurde es im Falle des betroffenen Paares nicht einfacher. Als die Frau sich bei den Schwiegereltern Hilfe holen wollte, glaubten diese der jungen Mutter nicht. Ihr Sohn, sei keiner, der eine Frau schlage, sagten sie.

Gemäss Allemanns Erfahrung, warten Mütter oft lange: Entweder solange, bis sich Freunde einschalten oder bis die Kinder offensichtlich zu leiden beginnen. Wenn sie anfangen, zu schlagen oder sich auffällig zu verhalten, merken die Mütter, dass das Kind ebenfalls von der Gewalt betroffen ist. Die Schwierigkeit sei, dass bei Müttern mit der Trennung vom Partner oftmals auch das Einkommen wegfalle. «Zudem wollen die Frauen ihren Kindern den Vater nicht nehmen», sagt Allemann. Das sei besonders in der Schwangerschaft schwierig, da man da einerseits das Bild der heilen werdenden Familie habe und andererseits besonders verletzlich sei. «In einer Erstschwangerschaft ist es für die Frau besonders schwer, sich zu trennen und den vielen neuen Situationen allein in die Augen zu schauen», so Allemann. Viele trennen sich und kommen danach wieder zusammen. Andere nehmen sich komplett zurück und probieren dem Partner auf alle erdenkliche Weise zu gefallen, um Konflikte zu vermeiden. «Doch das macht die Situation oft nur kurzfristig besser. Gewaltbereite Partner legen es darauf an, die Partnerin zu erniedrigen», sagt Allemann.

Die Frau hatte erst den Mut den Mann zu verlassen, als er sie auf das Bett warf, würgte und nur von ihr abliess, weil das Baby zu schreien begann. Da habe sie ihre Sachen gepackt und in einem Frauenhaus Zuflucht gesucht.

In solchen Situationen zeigt das BIF den hilfesuchenden Frauen jeweils verschiedene Wege auf, wie sie sich trennen oder in der Situation bestmöglich schützen können. In den letzten Wochen und Monaten war das Team besonders gefordert. Denn nach dem Lockdown meldeten sich einen Drittel mehr Frauen als im letzten Jahr zu dieser Zeit. Besonders das Online-Hilfsangebot wurde rege genutzt. Auch die Kantonspolizei Zürich merkte die Zunahme. Im Juni meldeten sich 277 Frauen bei der Polizei aufgrund häuslicher Gewalt, das sind 37 mehr als im Vorjahr. Auch in den letzten Monaten war die Zahl der Opfer höher als im Vorjahr.

Zahl der Polizeieinsätze, die ein Strafverfahren nach sich zogen. Besonders vor und nach dem Lockdown stiegen die Fälle häuslicher Gewalt

Zahl der Polizeieinsätze, die ein Strafverfahren nach sich zogen. Besonders vor und nach dem Lockdown stiegen die Fälle häuslicher Gewalt

«Wir ermutigen die Frauen, sich Hilfe zu holen, der Polizei anzurufen oder sich vom Partner zu trennen», sagt Allemann. Die Geschichten gehen den Begleitpersonen oft ebenfalls nahe. «Man merkt den Müttern die Verzweiflung über den zerbrochenen Lebenstraum an. Doch wir drängen zu nichts», sagt Allemann. Damit die Frauen für ihren eigenen Weg ermächtigt werden, empfiehlt Allemann auch Selbstverteidigungskurse. Doch diese seien nicht dazu da, in der akuten Gewaltsituation zurückzuschlagen. Vor allem nach der Eskalation sei es aber wichtig, dass die Frauen wieder selbstermächtigt werden. Denn die psychischen Schäden der Erniedrigung heilten oft viel weniger schnell als die Brüche oder Hämatome, die durch physische Gewalt entstanden. «Zudem werden etwa ein Drittel der Frauen, die sich aus solchen Beziehungen lösen, von ihrem Ex-Partner gestalkt», sagt Allemann.

Die 27-jährige Mutter zog nach dem Aufenthalt im Frauenhaus mit ihrem Kleinkind in eine eigene Wohnung und baut nun aus den zerbrochenen Stücken ihres Lebenstraums eine neue Zukunft. Sie hat den Vorteil, dass sie eine Ausbildung machte, die ihr ein wenig finanzielle Sicherheit gibt.

Der Heilungsprozess nach einer gewaltbelasteten Beziehung dauert laut Allemann unterschiedlich lange. «Es gibt Frauen, die kommen einmalig vorbei, andere sehen wir über Jahre hinweg jeden Monat.» Die Beratung sei für sie ein Anker, der ihnen wieder Lebensmut gibt.

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