Herr Doswald, für die «Gasträume 2013» haben Sie wieder in der ganzen Stadt Kunstwerke auf öffentlichen Plätzen verteilt. Wozu eigentlich das Ganze?

Christoph Doswald*: Kunst in der Öffentlichkeit verführt die Menschen dazu, ihre Stadt neu zu entdecken, sie mit einem achtsameren Blick zu betrachten. Unser Ziel ist, dass die Zürcherinnen und Zürcher ihre Heimat genauer ansehen, weil sich überall Kunstwerke verbergen könnten. Da die Werke öffentlich zugänglich sind, bringen sie auch kulturfernere Kreise in Berührung mit Kunst.

Das klingt zwar schön, aber in der Realität tut sich Zürich schwer mit öffentlicher Kunst. Leuchtturmprojekte wie das Nagelhaus auf dem Escher-Wyss-Platz oder der Hafenkran finden kaum Mehrheiten.

Ich würde nicht sagen, dass sich Zürich generell schwertut. Das beweist nur schon unser letztjähriges Projekt «Art and the City», das gegen 100 000 Besucher anlockte. Aber es stimmt schon: Zeitgenössische Kunst ist grundsätzlich nicht mehrheitsfähig, die meisten Werke sind sperrig und fremd, sie wollen nicht einfach gefallen, sondern provozieren. Das löst Diskussionen aus – und auch Ablehnung. Wenn wir jetzt eine Giacometti-Statue am Paradeplatz aufstellen würden, dann fänden das alle gut, weil Giacometti etabliert ist. Wir wollen jedoch Kunst zeigen, die aus der Gegenwart entsteht, neu ist und überrascht. Menschen an solche Werke heranzuführen, braucht einen langen Atem.

Sie müssen die Zürcher zur Kunst erziehen?

Die Erfahrung anderer Städte zeigt, dass die Menschen weniger ablehnend reagieren, je mehr sie sich überraschende Kunstwerke gewöhnt sind. Auch wir stellen fest, dass die Zürcherinnen und Zürcher heute viel eher bereit sind, sich auf die Kunst einzulassen als noch bei den ersten «Gasträumen» 2010.

Gegen den Hafenkran gab es erbitterten Widerstand. War die Stadt für dieses Kunstwerk einfach noch nicht bereit?

Wenn der Kran im Sommer 2014 endlich zu sehen sein wird, ist das Projekt bereits sechs Jahre alt. Ich kann mir schon vorstellen, dass man heute anders darauf reagieren würde.

Sind Sie bei der Auswahl der Werke vorsichtiger geworden?

Vorsichtiger nicht, aber wir haben natürlich schon überlegt, wie wir auf die Kritik reagieren sollen. Der zentrale Punkt ist, dass wir uns nun stärker auf temporäre Projekte konzentrieren und weniger auf permanente Installationen. Das Tolle an den «Gasträumen» ist, dass bedeutende Werke nach Zürich kommen, hier ein Kunsterlebnis ermöglichen und danach auch wieder verschwinden.

Sie planen also derzeit keine grösseren Projekte mehr?

Das kann man so nicht sagen. Ideen wie das Nagelhaus entstehen ja nicht aus dem Nichts, sondern aus einem Bedürfnis der Stadt, häufig in Verbindung mit der Stadtentwicklung. Wenn sich die Stadt Zürich so rasant weiterentwickelt wie bisher, gibt es auch wieder Handlungsbedarf. Derzeit beschäftigen wir uns etwa mit der Europaallee, wo wir bis 2020 mehrere Kunstprojekte realisieren wollen.

*Christoph Doswald ist Vorsitzender der städtischen Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum.