Unterengstringen

Yaris ist der Star im Kindergarten — im Turnunterricht geht er aber nicht

In der Klasse von Marias Kröger bereichert ein Hund den Unterricht. Die Unterengstringer Kinder freuts.

«Wie heisst Yaris mit Nachnamen», fragt ein Kind im Kreis. Sofort stimmen weitere in die Frage ein. Es scheint ihnen absolut unmöglich zu sein, dass der Hund im Unterengstringer Kindergarten keinen Nachnamen hat. «Er heisst Yaris Kröger», sagt Kindergärtnerin Marisa Kröger. Mit dieser Antwort ist die Neugierde der Kinder jedoch noch lange nicht gestillt. «Und wie ist sein Mittelname?», fragt ein Mädchen weiter. Das ist der Moment, in dem die Kindergärtnerin den Finger an die Lippen legt und zur Ruhe mahnt.

Nun soll Yaris seine Hundefähigkeiten zur Schau stellen. Ein Kindergartenkind darf ein Leckerli unter einem Tontopf verstecken. Gemeinsam schauen sie zu, wie Yaris die Töpfe beschnuppert und sich schliesslich vor jenen hinsetzt, unter dem er das Guetzli vermutet. «Das hätte ich auch gedacht», sagt ein Knabe. Doch der Tipp war falsch. Der Labrador muss weitersuchen. Nach einem weiteren Versuch ist das Leckerli gefunden. Der Hund ist glücklich und die Kinder ebenso. Nach ein paar Runden des Leckerli-Spiels sind sie an der Reihe mit dem Znüni.

Während die Kinder die mitgebrachten Früchte und das Gemüse verspeisen, legt sich Yaris wieder in seinen Korb in der Ecke. «Dieser Ort ist für ihn auch dazu da, damit er sich wieder ein wenig erholen kann», sagt Kröger. Die Arbeit im Kindergarten sei sehr anstrengend für den elfmonatigen energiegeladenen Junghund. Mit Yaris hat sich Kröger einen langersehnten Traum erfüllt. «Ich wollte bereits seit langer Zeit einen Hund haben», sagt sie. So entschloss sie sich eines Tages, das Experiment zu wagen. Sie wollte nicht bloss einen Hund für sich, sondern wollte diesen auch gleich in ihren beruflichen Alltag integrieren. Als ihr die Idee des Kindergarten-Hundes gekommen sei, wusste sie sofort: «Das ist es.»

«Ich wollte bereits seit langer Zeit einen Hund haben», sagt Kröger.

«Ich wollte bereits seit langer Zeit einen Hund haben», sagt Kröger.

Anfangs war Yaris wie ein Erdbeben

Kröger informierte sich beim Verein für Schulhunde und redete mit anderen Lehrpersonen, die bereits eine Hundebegleitung in ihren pädagogischen Alltag integrieren. «Als es zum Hundeaussuchen kam, schaute ich mir Berner Sennenhunde, Labradore und Golden Retrievers an», sagt Kröger. Die Berner Sennenhunde waren zu gross, von den Golden Retrievers gab es keine passende Zucht. So blieb schliesslich der Labrador Yaris. Mit drei Monaten holte sie ihn von seinen Eltern ab. «Er war wie ein Erdbeben», sagt Kröger. Nervös und energiegeladen sei er gewesen. Glücklicherweise hatte sie anfangs einige Monate Zeit, das kleine Ungetüm zu zähmen. Wie vom kantonalen Hundegesetz vorgeschrieben, hat Kröger mit Yaris einen obligatorischen Erziehungskurs von insgesamt 14 Lektionen absolviert. Zudem hat sie mit der Schulleitung beschlossen, dass sie, sobald Yaris zweijährig ist, mit ihm einen Therapiehundekurs besucht.

Nach den Sommerferien, mit zirka sechs Monaten, kam Yaris das erste Mal in die Klasse. Nun ist er elf Monate alt und mitten in der Pubertät. Erwachsene Kindergartenbesucher begrüsst er überschwänglich und verteilt saftige Küsse. Doch diese ungestüme Art scheint wie weggeblasen, sobald er zu den Kindern kommt. Dann wird er ruhig.

Kröger ist es wichtig, dass alle Kontakte von Yaris zu den Kindern und umgekehrt über sie stattfinden. Sie entscheide wann er ein Guetzli erhalte und begleite alle Hunde-Begegnungen im Klassenzimmer. «Yaris weiss genau, draussen kann er rennen und drinnen ist Zeit zum Schlafen und Ruhen», sagt Kröger.

Während die Kinder spielen, liegt Yaris in seinem Körbchen und knabbert an einem Knochen. Oft mache er gar nichts, sondern liege einfach in der Ecke und warte, so Kröger. Für die Kinder gehört Yaris längst zum Inventar. Schwieriger werde es erst, wenn er nicht da sei. «Etwa im Turnunterricht. Da fragen sie immer noch jedes Mal, weshalb Yaris nicht mitkommen könne. Sie finden, es täte ihm gut», sagt Kröger.

Entscheid für Yaris fiel nach längeren Diskussionen

Zuerst besprach sich Kröger bezüglich ihres Anliegens eingehend mit dem Schulleiter Beda Durschei. Da dieser an einer anderen Schule bereits positive Erfahrungen mit Schulhunden gesammelt hatte, unterstützte er die Idee von Anfang an. Somit stellten die beiden einen Antrag bei der Schulpflege. Dies löste zuerst rege Diskussionen aus. «Was wenn ein Kind Angst hat, eine Hundeallergie entwickelt oder gar die ganze Aufmerksamkeit auf dem Vierbeiner liegt?“, fragten sich die Schulbehörden. Doch schliesslich entschieden sie, das Experiment zu wagen. «Nur zwei Eltern beschwerten sich», sagt Kröger. Eine Mutter sagte, für sie käme so etwas schlicht nicht in Frage. Eine weitere Mutter erklärte, ihre Tochter habe grosse Angst vor Hunden. Eines der Kinder wurde in eine andere Klasse eingeteilt. Das andere Mädchen blieb trotzdem in Krögers Klasse. Die Kinder hätten wohl Respekt, aber keines habe Panik vor dem Vierbeiner. Auch allergisch sei niemand auf Hunde. Überhaupt sei dies eine sehr seltene Allergie, die weniger von Hundehaaren denn vom Speichel werde.

Wie vom kantonalen Hundegesetz vorgeschrieben, hat Kröger mit Yaris einen obligatorischen Erziehungskurs von insgesamt 14 Lektionen absolviert.

Wie vom kantonalen Hundegesetz vorgeschrieben, hat Kröger mit Yaris einen obligatorischen Erziehungskurs von insgesamt 14 Lektionen absolviert.

Die Kinder dürfen auch Nein sagen

Als die Frage gestellt wird, wer sich am Morgen auf Yaris gefreut habe, strecken beinahe alle ihre Finger weit in die Luft. Der Umgang mit dem Tier ist dagegen sehr unterschiedlich. Manche können die Finger nicht von ihm lassen und vergraben diese am liebsten ständig ins dichte Fell, andere halten lieber Abstand. Niemand müsse etwas mit Yaris machen. «Sie dürfen ‹Nein› sagen», sagt Kröger. Ihr Interesse am Tier könne sich auch von Tag zu Tag wieder verändern, das sei in Ordnung.

Was die Aufmerksamkeit angeht, so ist Yaris entweder der absolute Mittelpunkt des Geschehens oder auch schnell wieder vergessen. Das Vorurteil, der Hund sei eine konstante Ablenkung, dementiert die Kindergärtnerin. «Er ist eine Motivation für die Kinder», sagt Kröger. Zudem habe man mit Yaris immer ein Thema, bei dem alle mitreden können. Das betreffe besonders Kinder, die sprachlich noch nicht so weit seien. Wenn die Kinder etwas für Yaris malen, sind sie voll Eifer dabei. Und bereits Wochen vor seinem Geburtstag treibt sie der Gedanke um, was man dem Hund wohl schenken könne und ob er ebenso wie sie eine Papier-Krone erhalte. «Noch hat er keine, aber die wird noch kommen», sagt Kröger, lacht und weist auf die Wand mit den Kronen mit Namenstafeln.

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