Roland Jurczok

Wort und Gesang: Ein Poet, der auf die Stimme setzt

Es war ein langer Weg von den wilden Teenie-Jahren zu den ruhigen Tönen des vierzigjährigen Roland Jurczok.

Es war ein langer Weg von den wilden Teenie-Jahren zu den ruhigen Tönen des vierzigjährigen Roland Jurczok.

Zürich würdigt den einstigen Rapper Roland Jurczok mit gut dotierten Kulturpreisen. Die Preise ermöglichen es ihm, sich in diesem Jahr noch stärker auf sein eigenes Schaffen zu konzentrieren, als er es ohnehin schon seit Jahren tut.

Roland Jurczok hat es geschafft, sich mit einer Kunst zu etablieren, die die Grenzen zwischen den Genres verwischt. Im Kulturbetrieb der Gegenwart musste sie lange auf Anerkennung warten – obwohl sie sich bei den ältesten Kunstformen bedient: Gesprochenes Wort und Gesang ist Jurczoks Metier. Nun hat ihm der Kanton Zürich den mit 40'000 Franken dotierten Förderpreis im Bereich Musik, Tanz und Theater verliehen. Und von der Stadt Zürich erhielt er für 2015 das mit 48'000 Franken ausgestattete Werkjahr als Auszeichnung. Beide Preise zusammen ermöglichen es ihm, sich in diesem Jahr noch stärker auf sein eigenes Schaffen zu konzentrieren, als er es ohnehin schon seit Jahren tut.

Gesungene Gedichte

Ursprünglich kommt Jurczok vom Hip-Hop und Rap. Doch mit seiner neusten CD «All die Jahr» (erhältlich unter www.jurczok1001.ch) hat Jurczok 1001 – so sein Künstlername – sich weit von diesen Wurzeln entfernt. Statt schnell gesprochener Verse, in denen Improvisation und Schlagfertigkeit zählen, sind darauf mit sanfter Stimme gesungene Gedichte zu hören, begleitet von gemächlichen Rhythmen und Harmonien, die er via Loop-Sampler ebenfalls mit seiner Stimme erzeugt hat.

Auf ein bestimmtes Genre lässt sich Jurczok 1001 aber weiterhin nicht festlegen: Das gesprochene Wort mit präzise durchdachter rhythmischer Intonation hat bei seinen Bühnenauftritten wie bisher grossen Stellenwert. Auch die seit 1998 andauernde Zusammenarbeit mit der Autorin Melinda Nadj Abonji geht weiter. Letztes Jahr traten sie zusammen an der Leipziger Buchmesse auf, als die Schweiz dort Gastland war. Dieses Jahr wird Jurczok gemeinsam mit ihr an der Zürcher Hochschule der Künste den Workshop «Outspoken: Sprachperformance und Körperlichkeit» geben. Die Hochschule hat ihn ab Februar als Gastdozent engagiert.

«Die Ungenauigkeit der Sprache ist ein enormer Fundus, aus dem sich ein poetischer Mehrwert ergibt», sagt Jurczok, als wir uns in seinem Stammcafé in Zürich-Wiedikon treffen. Er spielt in seinen Texten mit Floskeln aus der Alltagssprache, die gemeinhin unbedacht als Füllwörter benutzt werden: Es sind Ausdrücke wie «irgendwo» oder das bei Jugendlichen beliebte Erzählmuster «er so – ich so», die Jurczok in seinen Texten durchspielt, bis sie plötzlich nicht mehr sinnentleert sind.

Quelle: Jurczok

Irgendwo

Im gesprochenen Gedicht «D’Wältwuche», das aus nicht viel mehr als einer Wiederholung dieses einen Wortes im selbstgefälligen Tonfall eines Roger Köppel besteht, macht er den Habitus dessen deutlich, der für sich in Anspruch nimmt, eine objektive Sicht der Welt zu verkörpern. Jurczok hat für diesen Anspruch ein Wort übrig: «Grössenwahn.» 
Quelle: Jurczok

D’Wältwuche

Prägende Zeit in illegaler Bar

Sein Antrieb ist die Lust an der Sprache, was er auch auf seinen Vater zurückführt: «Er ist Berliner. Die fallen mit der Tür ins Haus, sind sehr direkt – ganz anders, als in der Schweiz üblich.» Roland Jurczok selbst wuchs in Wädenswil am Zürichsee auf. In seiner Jugend spielte er in einer lautstarken Band namens «Too Fast». Heute sagt er von sich: «Ich würde mich als Poet bezeichnen, der irgendwann die Stimme entdeckt hat.» Es war ein langer Weg von den wilden Teenie-Jahren zu den ruhigen Tönen des Vierzigjährigen.

Wegweisend war dabei eine illegale Bar an der Elisabethenstrasse in Zürich Wiedikon, die er gegen Ende der 1990er-Jahre gemeinsam mit Freunden betrieb. «Das war eine extrem prägende Zeit für mich. In einem kleinen Raum nur einen Meter vom Publikum entfernt zu freestylen, ganze Nächte im Sound zu verbringen: Das war meine Lehre.» Daneben studierte er Germanistik und Ethnologie.

Lärmklagen brachten ihn weiter

Lärmprobleme mit den Nachbarn brachten ihn auf die Idee, in der Bar Veranstaltungen des gesprochenen Worts zu lancieren. So wurde die kleine Kellerbar zur ersten «Spoken-Word»-Adresse in Zürich. Jurczok veröffentlichte 1997 seine erste Spoken-Word-CD unter dem Namen «Jurczok 1001», den er sich in jener Zeit zulegte. Heute berühmte Autoren wie Melinda Nadj Abonji und Lukas Bärfuss traten damals als junge Künstler in der verrauchten illegalen Kellerbar auf.

Inzwischen tritt Jurczok in seinem Wohnort Zürich längst auf namhaften Bühnen wie Kaufleuten, Theater Neumarkt und Theaterhaus Gessnerallee auf und tourt im gesamten deutschsprachigen Raum vor einem bunt durchmischten Publikum. Nicht für eine bestimmte Szene zu performen habe ihn stilistisch befreit, sagt er – und fügt selbstbewusst an: «Ich habe nicht ein Zielpublikum im Auge, sondern ich bin das Ziel eines breiten Publikums. Ich schätze es, dass ich nicht das Gefühl habe, bestimmte formale Erwartungen erfüllen zu müssen.» Geblieben ist seine Haltung zur Sprachkunst: «Das Performative ist mir am wichtigsten.» Wenn die Grenzen zwischen Improvisation und ausgearbeiteten Texten verschwimmen, hat Jurczok sein Ziel erreicht. Irgendwo.

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