Immobilienpolitik
Wohnungsnot-Debatte: «Renovationspolitik vertreibt Mieter»

Der Verband der Wohnbaugenossenschaften ist in der letzte Woche angegriffen worden. Offiziell reagiert hat er aber nicht. Denn: Die Vorwürfe seien «blanker Unsinn», sagt der Zürcher Regionalverbandspräsident Peter Schmid.

Oliver Graf
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Wer in eine Wohnung einzieht, soll wissen, wie viel sein Vormieter dafür bezahlt hat. Diese Verschärfung des Mietrechts ist umstritten.Keystone

Wer in eine Wohnung einzieht, soll wissen, wie viel sein Vormieter dafür bezahlt hat. Diese Verschärfung des Mietrechts ist umstritten.Keystone

Das wirtschaftsfreundliche «Forum Zürich», in dem unter anderem der Hauseigentümerverband und die Vereinigung der Zürcher Immobilienunternehmen vertreten sind, hatte an einem Mediengespräch erklärt, dass die Wohnbaugenossenschaften die Wohnungsnot geschaffen und verschärft hätten (Ausgabe vom Samstag). Denn sie würden ihre Wohnungen nicht an die Armen vermieten, wie es laut der Wirtschaftsvereinigung die zentrale Aufgabe der Genossenschaft wäre, sondern an den Mittelstand.

Peter Schmid spielt den Ball erwartungsgemäss wieder zurück: Die privaten Immobilienbesitzer würden die Schuld an der Wohnungsnot tragen, sagt er. Denn diese würden mit ihrer Renovationspolitik die Preise in die Höhe treiben. Die Folge sei, dass viele Mieter aus ihren einst älteren, günstigeren Wohnungen ausziehen müssten und am Ende dann bei den Genossenschaften landen würden.

Es handelt sich um eine ideologische Auseinandersetzung. Diese ist an sich nicht neu – sie gewinnt derzeit aber wieder an Schärfe. Am 28. September gelangt im Kanton Zürich der Gegenvorschlag zur SP-Initiative «Für mehr bezahlbaren Wohnraum» an die Urne. Dabei geht es um die Frage, ob Gemeinden künftig vorschreiben können, dass in gewissen Gebieten eine bestimmte Anzahl günstiger Wohnungen angeboten werden müssen.

Keine freien Objekte

Unbestritten ist, dass Wohnungen in der Stadt Zürich äusserst gesucht sind. Bei Wohnungsbesichtigungen bilden die Interessierten lange Warteschlagen. Suchende werden bereits im Internet vertröstet, auch bei den Genossenschaften. Von einer grossen Wohnungsnot spricht etwa die gemeinnützige Bau- und Mietergenossenschaft. Gerade bei ihren Altbauobjekten: «Infolge der hohen Nachfrage und der ausserordentlich wenigen Wechsel, bleibt die Warteliste für externe Wohnungsbewerbungen bis auf weiteres gestoppt.» Bei der allgemeinen Baugenossenschaft Zürich, mit über 5700 Wohneinheiten die grösste gemeinnützige Anbieterin der Schweiz, sind keine Wohnungen frei. Sie wird dennoch mit Anfragen überhäuft. Das bringt aber nichts, wie es auf ihrer Homepage heisst: «Auch am Telefon kann Ihnen die Vermietungsabteilung keinen besseren Bescheid geben.»

Das «Forum Zürich» wirft den Genossenschaften vor, ihre günstigen Wohnungen an Personen vermietet zu haben, die gar nicht auf diese angewiesen wären, und sie damit den wirklich Armen wegnehmen würden. Denn laut einer der beiden vorgestellten Studien sind bei Genossenschaften Mieter mit einem Vermögen zwischen 50 000 und 200 000 Franken stärker vertreten als bei den privaten Vermietern. Demgegenüber sind Personen ohne Vermögen anteilsmässig häufiger in Objekten von Privaten eingemietet.

Dies hatte der Verband der Wohnbaugenossenschaften im Jahr 2011 in einer eigenen Studie festgestellt. Dieser Umstand erstaune auf den ersten Blick, hielt er damals fest. Dieser könne aber durch die teilweise relativ hohen Hürden zum Erlangen einer Genossenschaftswohnung erklärt werden: «Bei den meisten Genossenschaften sind Anteilsscheine zu zeichnen, die ebenfalls als Vermögen gelten.» Dass die Genossenschaften einen Beitrag dazu leisten, dass auch der Mittelstand «Zugang zu tragbaren Wohnung hat», sei grundsätzlich ja auch gar nicht verwerflich, sagte Walter Angst vom Mieterverband Zürich gegenüber den Medien.

Was in der Forum-Studie unerwähnt bleibt, in öffentlichen Statistiken aber zu finden ist: Personen mit einem «hohen Einkommen» sind in Genossenschaften weniger oft eingemietet (10 Prozent) als bei Privaten (20 Prozent).