Stadtentwicklung
Wohnungen anstelle eines rauchenden Kamins

Die für 2020 geplante Stilllegung des Kehrichtheizkraftwerks Josefstrasse ist nicht in Stein gemeisselt. Aber damit das Heizkraftwerk jetzt noch in Betrieb bleibt, wird sogar Abfall aus Deutschland importiert.

Alfred Borter
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Noch nicht ausgemustert: Das Kehrichtheizkraftwerk Josefstrasse.mts

Noch nicht ausgemustert: Das Kehrichtheizkraftwerk Josefstrasse.mts

Noch ist die Dampfwolke aus dem Kamin der im Jahr 1904 erstellten Kehrichtheizkraftwerk Josefstrasse in Zürich weitherum sichtbar, doch im Jahr 2020 soll sie der Vergangenheit angehören. Darauf jedenfalls sind die Bestrebungen der Stadt Zürich ausgerichtet, wie die Mediensprecherin von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ), Leta Filli, sagt. Hundertprozentig sicher ist das allerdings nicht. «In acht Jahren kann noch vieles passieren», gibt sie zu bedenken. Die Stadt halte sich alle Optionen offen.

Als Leitziel sei formuliert, dass die KVA Josefstrasse «mindestens bis 2020» Wärme und Strom produziere. Es werde von der dann geltenden Energiepolitik der Stadt abhängen, ob man das Areal für vollkommen andere Nutzungen freigebe oder zum Schluss komme, man wolle von hier aus die bestehende Wärmeversorgung mit einer neuen Wärmequelle weiterbetreiben. Den Ofen einfach weiter in Betrieb halten kann man nicht, weil er 2020 ans Ende seiner technischen Lebensdauer kommt.

Seitens der Abteilung Stadtentwicklung stellt man denn auch noch keine Überlegungen an, was anstelle der KVA entstehen könnte, wie von Nat Bächtold vom Präsidialdepartement zu erfahren ist. «2020 ist noch weit weg.»

Kehricht aus Deutschland

Eigentlich braucht man die KVA Josefstrasse schon heute für die Verbrennung des Abfalls aus dem Kanton Zürich nicht mehr, er ist nur noch in Betrieb, um das Wärmenetz betreiben zu können. 8000 Haushalte werden von hier aus mit Wärme beliefert, ausserdem wird elektrischer Strom produziert; eine Grosswäscherei wird mit Dampf beliefert.

Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, werden mit Lastwagen jährlich 110000 Tonnen Abfälle aus dem süddeutschen Raum angeliefert. Daneben wird bis 2015 getrockneter Klärschlamm aus dem Kanton Zürich verbrannt; dann sollte das nicht mehr nötig sein, weil eine neue Anlage auf dem Areal der Kläranlage Werdhölzli die Klärschlammverwertung für den ganzen Kanton zentral betreiben wird.

Die Wärmeversorgung wird gegenwärtig weiter ausgebaut, wie Leta Filli erwähnt. Um die Abwärme zu nutzen, hat man schon vor 80 Jahren damit angefangen, den Zürcher Hauptbahnhof mit Wärme aus dem Werk Josefstrasse zu versorgen. Das Netz wurde kontinuierlich erweitert; im aufstrebenden Quartier Zürich-West sind jetzt etliche neue Häuser angeschlossen, so seit kurzem auch der Primetower.

Ein teurer Stollen

Für den Fall, dass die KVA Josefstrasse stillgelegt wird, ist vorgesehen, von der Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz, die auch mit dem Heizkraftwerk und dem Holzheizkraftwerk Aubrugg verbunden ist, von Schwamendingen ins Industriequartier einen Stollen zu bauen. Gegenwärtig ist man daran, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen. Es gibt offenbar einige technische Tücken zu bewältigen; offen ist etwa die Frage, wie man am besten die Limmat quert, ob oberirdisch oder unter dem Fluss. Eine grobe Kostenschätzung geht von einem Aufwand von 60 Millionen Franken aus.

Quartiervertreter machen sich bereits Gedanken darüber, was auf dem 14000 Quadratmeter grossen Areal entstehen soll, wenn die KVA ausgedient hat. An einer von Vertretern von SP, GLP, Grünen, CVP und AL organisierten Veranstaltung im letzten Herbst wurden Ideen diskutiert, und wie von Gemeinderat Marcel Schönbächler (CVP) zu erfahren ist, gibt es durchaus Vorstellungen, was dem Quartier guttäte.

Bezahlbare Wohnungen, Grünraum, vielleicht eine Sportanlage kann man sich vorstellen, was man hingegen nicht möchte, wären Luxuswohnungen, ein Büroturm, ein Parkhaus oder ein Einkaufszentrum. Diskutiert wurde auch, ob der Kamin als Zeitzeuge erhalten bleiben kann. Ausserdem möchte die Quartierbevölkerung bei der Planung einbezogen werden. Stadtrat André Odermatt (SP), Vorsteher des Hochbaudepartements, ist nach Schönbächlers Worten offenbar nicht abgeneigt, zu gegebener Zeit einen runden Tisch einzuberufen.